Leserbrief: Wiederkehr sucht Kandidaten für Pilot zur sechsjährigen Volksschule

Bei der Diskussion über eine sechsjährige Volksschule wird meines Erachtens der Kern des Problems übersehen. Die entscheidende Frage ist nicht, wie lange Kinder in der Volksschule bleiben, sondern mit welchen Voraussetzungen sie in die Schule starten. Wir sehen heute bei vielen Kindern beim Schuleintritt erhebliche Entwicklungsunterschiede, insbesondere bei Sprache, Konzentration, sozialer Kompetenz, Motorik und Selbstregulation. Gleichzeitig verlangen offene Unterrichtsformen ein hohes Maß an Selbstständigkeit und Eigenverantwortung. Dafür braucht es aber entsprechende Grundlagen. Deshalb brauchen wir eine verbindliche Vorschulphase für alle Kinder im Alter von fünf bis sechs Jahren. Diese Phase sollte dazu dienen, systematisch die sprachlichen, sozialen, motorischen und kognitiven Grundlagen zu entwickeln und sicherzustellen, dass jedes Kind beim Eintritt in die erste Klasse tatsächlich über die notwendige Schulreife verfügt. Das wäre eine gemeinsame und verbindliche Bildungsphase für alle Kinder. Erst wenn diese Grundlage gegeben ist, macht es Sinn, über die optimale Dauer der Volksschule zu diskutieren. Eine sechsjährige Volksschule kann fehlende Schulreife nicht ersetzen. Wenn wir die bestehenden Probleme lediglich um zwei Jahre verlängern, lösen wir sie nicht, wir verschieben sie. Daher sollte unser erster Schritt sein: Schulreife sicherstellen, Strukturen stärken und Kindern die notwendigen Grundlagen vermitteln. Erst danach sollten wir über eine Verlängerung der Volksschule entscheiden.
Simone Marguerite, Entwicklungs- und Lernzentrum Marguerite, Bregenz