Andreas Scalet

Kommentar

Andreas Scalet

Zu wenig Lohn, zu viel Arbeit

Markt / 29.05.2013 • 22:11 Uhr

Mehr als zwei Drittel der Dienstnehmer arbeiten mehr, als gesetzlich vorgeschrieben ist, sie machen Überstunden. Auch die von der Gewerkschaft seinerzeit mit viel Engagement erkämpfte Samstagsruhe ist längst passé. Immerhin ein Fünftel der Arbeitnehmer nehmen auch am Samstag Arbeit an. Weil sie dazu gezwungen werden, sagen die Vertreter der Arbeiter und Angestellten. Denn laut dem Arbeitsklimaindex, der von der Arbeiterkammer Österreich in Auftrag gegeben wurde, tun sie das nicht wirklich freiwillig.

Dem ist nicht so. Sagen die Arbeitgeber. Denn auch die Wirtschaftskammer hat eine Umfrage in Auftrag gegeben. Und siehe da: Fast 60 Prozent wüssten gar nicht, was sie mit der vielen Zeit machen sollten, hätten sie nicht die Möglichkeit, Überstunden zu schieben. 71 Prozent seien mit ihrer „Überstundensituation sehr zufrieden“. Und dass die Unternehmen ihre Arbeitnehmer – auch das ein Ergebnis der Studie – nötigen, Überstunden zu machen, sei natürlich Gewerkschaftspropaganda. Im Reich der Legenden wollen die Arbeitgeber-vertreter diese Behauptung angesiedelt sehen, denn Überstunden seien für Firmen gar nicht attraktiv. Im Gegenteil: Durch die Zuschläge seien sie kaum finanzierbar.

Tatsache freilich ist, dass die gesetzlich geregelte Arbeitszeit – also 38 oder 40 Stunden – höchstens ein Richtwert ist. Und ob Arbeitnehmer nun gerne oder gezwungenermaßen über die gebotene Zeit hinaus buckeln, wird wohl vor allem damit zu tun haben, dass sie das zusätzliche Geld einfach brauchen, um ihr Leben zu bestreiten. Die Arbeiterkammer beklagt, dass es immer mehr sogenannte „working poor“ gibt – Menschen, die arbeiten und dennoch zu wenig Geld zum Leben haben. Die Arbeitgeber trommeln seit Jahren, dass vom Brutto mehr Netto für ihre Mitarbeiter bleiben muss. Der Staat kassiere übermäßig – und zwar von Arbeitnehmern und Arbeitgebern.

Für diejenigen, die gar nicht anders können und auf Überstunden angewiesen sind, ist der Streit um Ursachen irrelevant. Die Auslegung ihrer Beweggründe ist ein Streit über ihre Köpfe, über ihre Bedürfnisse hinweg, der nur einen bitteren Geschmack hinterlässt, aber keine Lösung der Problematik ist. Ich bin mir sicher, dass die Überstunden schrumpfen würden, könnte man mit den Löhnen im Hochpreisland Österreich leben. Und ich bin mir sicher, dass die Unternehmen neue Arbeitsplätze schaffen würden, wären die Arbeitskosten niedriger.

andreas.scalet@vn.vol.at, 05572/501-862