„Können wir uns das leisten?“

Markt / 06.09.2013 • 21:07 Uhr
Wohnbauprojekt des Büros Baumschlager Eberle in der französischen Stadt Valence.
Wohnbauprojekt des Büros Baumschlager Eberle in der französischen Stadt Valence.

Ein völliges Überdenken der Wohnbauförderung regt Architekt Dietmar Eberle an.

Lustenau. „Das Teuerste am Wohnbau ist immer die Finanzierung“, stellt Dietmar Eberle gleich zu Beginn des Gesprächs klar. „Egal wie man finanziert – mit einem normalen Gehalt kann sich das nie ausgehen“, sagt er und ist sich sicher, dass sich die Lage bei steigenden Zinsen dramatisch verschärft.

Eberle spekuliert nicht, er gilt weltweit als einer der Experten für Wohnbau. Der Vorarlberger Architekt ist an der renommierten ETH Zürich genau in diesem Fach Professor, außerdem leitet er das interdisziplinäre ETH-Wohnbauforum (siehe Factbox).

In der Diskussion um leistbaren Wohnraum vermisst er die politische Grundsatzdiskussion: „Können und wollen wir uns das so leisten, wie es jetzt gehandhabt wird?“. Da müsse man ansetzen, so der Architekt. Eberle war einer der Vorarlberger Baukünstler, die vor Jahrzehnten mit verdichteten und leistbaren Wohnhäusern frischen Wind in die Einfamilienhaus-Landschaft brachten, er baute aber auch Einfamilienhäuser und ganze Wohnstädte mit Tausenden Wohnungen. „Will man mit der Förderung jene beim Bauen unterstützen, die finanzielle Unterstützung benötigen, oder soll die Wohnbauförderung ein Instrument sein, um Vorhaben wie die Energieautonomie zu steuern?“

Generell habe sich der Wohnbau verändert, die Ansprüche heute seien deutlich höher geworden. „Fläche kostet“, stellt er fest und zählt auf, was heute als Standard gilt: Terrasse oder Balkonflächen im Außenraum, Nebenräume für alle möglichen Tätigkeiten, Parkplatz, Garage oder Carport. Und die Anforderungen beispielsweise an Barrierefreiheit.

Flut von Spezialisten

In den letzten Jahren sei es auch zu einer Flut von Spezialisten gekommen, „die natürlich auch von etwas leben müssen“, und die mit ihren Expertisen ebenfalls für einen Kostenanstieg sorgen. Und die Betriebskosten seien ebenfalls ein Thema, das nur zu gern hintan gestellt werde: „Wartungsverträge, Betriebskosten, Lifte und Brandschutz … Das kostet.“ Die derzeitige Beschränkung auf zweieinhalb Geschoße im Mehrwohnungsbau nennt er schlicht „Schwachsinn“. Und er sieht auch nicht ein, dass verbunden mit Baugenehmigungen beispielsweise von den privaten Bauherren kommunale Einrichtungen wie ein Spielplatz finanziert werden sollen.

Eberle kennt genügend andere Praxisbeispiele: „In Lindau kann man um 15 Prozent billiger bauen als in ­Österreich. Und das sind auch keine Nasenbohrer.“ Selbst die Vorschriften in Österreich sind von Bundesland zu ­Bundesland sehr unterschiedlich: „So wie wir in Graz bauen, könnte man in Vorarlberg wegen der Brandschutzvorschriften nicht bauen“, so Eberle. Ein Tischler, so der Architekt, könne wegen der Brandschutzvorschriften keine Türe mehr herstellen. Wenn jetzt nach Einsparmöglichkeiten gesucht werde, müsse man das System hinterfragen. Und nicht beim jeweils anderen nach Einsparpotenzial suchen.

In Lindau kann man 15 Prozent billiger bauen als in Österreich. Und das sind auch keine Nasenbohrer.

dietmar eberle

ETH-Wohnforum

» Leitung: Prof. Dietmar Eberle, Dr. Margit Hugendobler

» Wissenschaftliche Mitarbeiter: 10

» Doktoranden: 6

» Aufgabe: Das ETH Wohnforum – ETH CASE ist eine interdisziplinäre, sozial- und kulturwissenschaftliche Forschungsstelle am Departement Architektur der ETH Zürich. Die Forschungsstelle ist entlang ausgewählter, gegenwartsrelevanter Problemfelder organisiert und einer Balance zwischen bereits etablierten, neuen und zukunftsweisenden Forschungsschwerpunkten verpflichtet.

www.wohnforum.arch.ethz.ch

Vorankündigung: VN-Stammtisch zum Thema „Wohnbau“ am 18. September 2013 im WIFI Hohenems