„Werden stärker auf das Tempo drücken müssen“

Markt / 23.11.2015 • 22:27 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Markus Beyrer (re.) und Martin Ohneberg: „Wir in Europa haben einen Hemmschuh im Kopf.“  Foto: VN
Markus Beyrer (re.) und Martin Ohneberg: „Wir in Europa haben einen Hemmschuh im Kopf.“  Foto: VN

Europa habe Hausaufgaben zu machen, aber es gebe keine Alternative zur EU.

Schwarzach. (VN-sca) Markus Beyrer (50) nutzte die Einladung seines früheren Arbeitgebers Industriellenvereinigung (IV), um für Europa eine Lanze zu brechen. Das sei auch notwendig, findet sein Gastgeber, IV-Präsident Martin Ohneberg, beim Besuch in der VN-Redaktion. Es sei wichtig, gegen die Zweifel an der Europäischen Union anzukämpfen: „Europa muss in den Köpfen der Vorarlberger positiv verankert sein.“ In den letzten Monaten taten sich die Menschen allerdings schwer mit dieser Verankerung, denn Wirtschafts- und Eurokrise zehrten ebenso an den Nerven der Europäer wie derzeit der Streit um die Behandlung bzw. Unterbringung der Flüchtlinge.

„Durchwursteln“

Für Beyrer, der früher IV-Generalsekretär in Österreich war und seit 2013 Generaldirektor des europäischen Arbeitgeberverbandes Businesseurope ist, gilt es nun, die Hausaufgaben zu machen. „Derzeit ist es ein Durchwursteln mit 28 Mitgliedermeinungen.“ Bislang habe man zwar die Themen in Angriff genommen, aber nichts sei so weit gediehen, wie es vorgesehen war. Jetzt müssen die Probleme angegangen werden, es brauche auch eine Vertiefung der Wirtschafts- und Währungsunion, wenn Europa stark auftreten will. Das gelte auch für die gemeinsamen fiskalischen Instrumente. Man sei sich zwar noch nicht einig, aber wesentlich sei, dass man die Diskussion führe.

Design des Welthandels

In Diskussion ist man auch bei den großen Zukunftsthemen, berichtet Beyrer aus Brüssel. Innovation, Finanzierung und derzeit vor allem TTIP. Der Unternehmerverband befürwortet das Transatlantische Freihandelsabkommen, weil es, so der Lobbyist, „die letzte Chance Europas ist, das Design des Welthandels zu beeinflussen.“ Lasse man diese Chance vorbeiziehen, werde sich die Wirtschaft künftig in anderen Regionen der Welt abspielen, nämlich im pazifischen Raum, entwirft er ein Zukunftsszenario. Dass besonders in Österreich der Widerstand gegen das Abkommen so groß sei, sei rational schwer nachvollziehbar, hänge aber seiner Ansicht nach mit der generellen Kritik an der Globalisierung zusammen. Ein Ergebnis bei TTIP – daneben steht ein Freihandelsabkommen mit Japan an – erwartet er sich nicht vor Ende des nächsten Jahr. „Jetzt geht es erst richtig los mit den Verhandlungen“, berichtet er. Derzeit stehe zum Beispiel das Thema „Öffentliches Vergabewesen“ auf der Agenda. Den Bedarf nach Tempo sehen er und Ohneberg aber auf weiteren Gebieten. Bei der Innovation wünschen sie sich mehr Mut zum Risiko, denn ohne dieses gehe nichts vorwärts. „In Europa ist man von vornherein dagegen, wir haben einen Hemmschuh im Kopf.“

„Wir kommen mit unserer europäischen Einstellung zum Thema Risiko ins Hintertreffen.

Markus Beyrer

Stichwort

» Businesseurope ist ein europäischer Arbeitgeberverband mit Sitz in Brüssel. Ihm gehören 2015 40 Mitgliedsverbände aus 34 Ländern an. Die Organisation besteht aus 60 Arbeitsgruppen. In diesen Gruppen arbeiten 1200 Fachleute, um Gesetzesentwürfe und EU-Programme zu analysieren.

» Markus Beyrer war wirtschaftspolitischer Berater der Bundesregierung und von 2004 bis 2011 Generalsekretär der IV. Seit 2013 ist er Generaldirektor von Businesseurope.