Mit ein wenig Hilfe aus Bludenz

24.08.2016 • 17:12 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Schweizer Traditionsstoff wird in Weberei der Getzner Textil AG produziert.

Neu St. Johann Bludenz. (VN-sca) Wenn an diesem Wochenende das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest im Westschweizer Ort Estavayer-le-Lac über die Bühne geht, ist die Bekleidungsfrage zumindest ausführlich diskutiert worden. In der Schweiz ist eine hitzige Debatte über die Herkunft der traditionellen Edelweiß-Hemden entstanden, die beim Schwingfest von Sportlern und Besuchern obligatorisch getragen werden. Mit dem Ergebnis: Statt Billig-Importen aus Asien erging an die Schweizer der Aufruf, „swissmade“-Hemden zu tragen. Doch so einfach, wie sich das die Traditionalisten vorgestellt haben, ist das nicht. Die Webereiindustrie in unserem Nachbarland ist fast nicht mehr existent.

Töchter in der Schweiz

Ausgerechnet ein Vorarlberger Unternehmen ist es, das mit seinen Schweizer Töchtern das Dilemma der „währschaften“ Eidgenossen auflöst. Die in Neu St. Johann in Toggenburg beheimatete Meyer-Mayor AG nimmt für sich in Anspruch, die einzige Weberei zu sein, die noch Baumwollstoff, aus dem Edelweiß-Hemden gefertigt werden, in der Schweiz vertreibt. Das Urschweizer Unternehmen wurde vor vier Jahren vom Bludenzer Unternehmen Getzner Textil AG übernommen, ebenso wie die Weberei Russikon im Kanton Zürich, an der der Vorarlberger Textilbetrieb seit 1995 beteiligt ist und welche er 2007 zu 100 Prozent übernommen hat. Dorthin wurde vor wenigen Monaten die Baumwoll- und Leinenproduktion von Meyer-Mayor verlegt, und dort läuft die Produktion des begehrten Edelweiß-Hemden-Stoffes „made in Switzerland“ auf vollen Touren. Andre Meyer, Geschäftsführer von Meyer-Mayor und Nachkomme der Firmengründer, plädiert mit Erfolg an das patriotische Gewissen der Schwinger-Fans: „Es kann doch nicht sein, dass das Edelweiß-Hemd in Billiglohnländern produziert wird.“ Und es ist sehr wahrscheinlich, dass der neue Schwingerkönig, wie der Gewinner des Wettbewerbs genannt wird, seine Trophäen in einem Hemd aus Schweizer Produktion entgegennimmt.

Der Preisunterschied zwischen Billigware und Original ist groß: Ein Qualitätshemd der Traditionsschneider kostet gegen hundert Franken, beim Diskonter gibt es das Hemd „made in Kolumbien“ ab 23 Franken. Das National-Kleidungsstück besteht übrigens aus 27 Teilen. Zehn Arbeitsschritte sind notwendig, damit aus dem Stoff das original Edelweiß-Hemd entsteht.

Küchenwäsche und Gewebe

In Neu St. Johann konfektioniert die Getzner-Tochter inzwischen Küchenwäsche, während in Russikon Jacquard-, Feinst-, Dreher- und Plisségewebe hergestellt werden. Nach Bludenz wurde 2015 aufgrund der Frankenstärke die Segel- und Ballonstoffproduktion verlagert.

Traditionsbewusste Schwinger treten mit dem Edelweiß-Hemd zum Kampf an. Viele Hemden stammen inzwischen aus Billiglohnländern.  Foto: APA
Traditionsbewusste Schwinger treten mit dem Edelweiß-Hemd zum Kampf an. Viele Hemden stammen inzwischen aus Billiglohnländern.  Foto: APA

Stichwort. Edelweiß-Hemden

Das Edelweiß-Hemd ist ein textiles Symbol der Eidgenossenschaft. Bei Brauchtumsfesten und eben beim Schwing- und Älplerfest ist das Hemd fast schon Pflichtbekleidung. Doch wie im übrigen deutschsprachigen Alpenraum Dirndl und Lederhose  nach jahhrelanger Ächtung – zum einen wegen der ideologischen Vereinnahmung durch Parteien und zum anderen wegen der Mode – wieder up to date sind, so feierte auch das Edelweiß-Hemd ein fulminantes Comeback. Nur dass wie beim Dirndl nun Billigprodukte den Markt überschwemmen. Und Parteien, allen voran die SVP, versuchen, das „Hemli“ zu instrumentalisieren.