“Veränderung ist nie einfach”

2016 war geprägt von Veränderungen bei Zumtobel. 2017 beginnt mit neuem Werk.
Dornbirn. Licht und Schatten prägten das vergangene Jahr bei Zumtobel. Die neue Strategie greift, Prestigeaufträge zeigen in die richtige Richtung. Doch in Deutschland musste ein Werk schließen, dafür wird in Serbien ein neues Werk gebaut, wie der Aufsichtsrat am Freitag beschlossen hat. Die VN sprachen mit CEO Ulrich Schumacher über erledigte Aufgaben, neue Projekte und die Mitarbeiter.
Herr Schumacher, Sie haben 2016 ein Werk geschlossen, planen neue Fabriken und haben neue Produkte lanciert. Ihre Bilanz?
Schumacher: Das letzte Jahr war für uns alle in der Gruppe ein ereignisreiches. In Summe haben wir mit den im Dezember veröffentlichten Halbjahres-Zahlen das Ergebnis des Vorjahres deutlich übertroffen. Wir sind froh, dass wir für unseren Standort in Frankreich eine sehr gute Lösung gefunden haben. Mit der Partnerschaft für dieses Werk sind die Arbeitsplätze dort sicher. Jetzt gehen wir mit frischem Elan in die zweite Hälfte des Geschäftsjahrs.
Wo steht das Unternehmen in seiner Umstrukturierung?
Schumacher: Die Lichtindustrie befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel – wie andere Industriebranchen auch. Und wir sehen ja, was dort passiert ist, nämlich dass viele Marktführer plötzlich marginalisiert wurden, manche sogar verschwunden sind und ganz neue Wettbewerber den Markt beherrschen. Wir haben heute eine ähnliche Situation, die man neudeutsch disruptiv nennt. Das bedeutet, ist, dass sich fast alles in unserem Geschäft geändert hat. Produktzyklen dauerten früher bis zu zehn Jahre, heute kann es fünf Zyklen in einem Jahr geben. Das stellt auch uns vor große Herausforderungen. Doch mit den Maßnahmen, die wir bereits getroffen haben, haben wir wichtige Meilensteine erreicht, und die Umstrukturierung ist zum großen Teil abgeschlossen. Aber man kann natürlich nie sagen, wie sich die Branche in den nächsten Jahren entwickeln wird.
Sind Sie mit den Zahlen zufrieden?
Schumacher: Ja, das bin ich. Wir sind in den letzten Jahren wieder gewachsen, um etwa vier Prozent pro Jahr. Nach 13 Jahren des Stillstandes ist das ein guter Anfang. Wir sind auch deutlich besser als der Markt gewachsen.
Welche weiteren Veränderungen gibt es noch?
Schumacher: Die großen Werkumstrukturierungen haben wir mit dem geplanten Verkauf des Werks in Frankreich abgeschlossen. Der Standort Dornbirn hat sich sehr gut entwickelt. Die Produkte aus Dornbirn sind sehr erfolgreich, was einem sehr klugen Zusammenbau von Entwicklung und automatisierter Fertigung zu verdanken ist. Mit Produktinnovationen generieren wir wieder Marktwachstum. Wir haben in Dornbirn gerade 60 Leiharbeiter in eine feste Anstellung übernommen und rund 4,5 Millionen investiert. Der Standort ist wirklich auf die Zukunft ausgerichtet. Auch unser Werk im englischen Spennymoor läuft extrem gut und wird jetzt zur strategischen Waffe, denn durch den Brexit könnte sich für uns ein Wettbewerbsvorteil ergeben. Was wir noch berücksichtigen müssen, ist der enorme Preisdruck aus Asien. Hier kommen wir nicht umhin, in einen Standort zu investieren, an dem wir deutlich preiswerter Produkte produzieren können, die einen sehr hohen Personalanteil haben, wenig komplex sind und von denen große Stückzahlen laufen. Der Aufsichtsrat hat dazu gestern, Freitag, einen zielgerichteten Beschluss gefasst. Der bedeutet, dass wir uns jetzt auch in Serbien eine Produktionsstätte schaffen werden. Diese wird unser zusätzlich geplantes Volumen aufnehmen und ebenfalls ein Wachstumstreiber sein. Bei massiven Änderungen des Marktumfeldes, wie zum Beispiel dem Einstieg eines asiatischen Wettbewerbers in den europäischen Markt, müssen wir in der Lage sein, schnell zu agieren und dürfen uns niemals nur auf das Reagieren beschränken.
Das bedingt ein Umdenken im gesamten Unternehmen, klappt das?
Schumacher: Die Idee, dass man lediglich ein tolles Produkt entwickelt und es verkauft, verliert mehr und mehr an Bedeutung. Durch die neuen Möglichkeiten, die geboten werden, hat der Kunde mehr Macht. Das verstehen mehr und mehr Mitarbeiter in allen Bereichen. Das ist eine Art von Wettbewerb, der sehr positiv ist – besser als einfach nur Kosten zu senken. Ich freue mich sehr, dass die Kollegen die Chance erkennen und sich mit großem Enthusiasmus einbringen.
Alle werden den neuen Weg nicht mitgehen, besonders im mittleren Management gab es einen intensiven Wechsel.
Schumacher: Es ist leider immer so, dass zwar der größte Teil der Mitarbeiter für Neuerungen zu gewinnen ist, aber eben doch nicht jeder. Das hat viele Gründe: Diese können im persönlichen Bereich liegen, oder wenn man mit etwas in der Vergangenheit sehr erfolgreich war, mag man Veränderungen einfach nicht wahrhaben. Und wenn dann die Kluft zu groß ist und man es einfach nicht schafft, die Brücke zu bilden, dann muss man sich trennen. Es ist in der Tat so, dass der eine oder andere langjährige Mitarbeiter diesen neuen Weg nicht mitgehen wollte oder konnte. Das heutige Team ist nun sehr gut aufgestellt und nimmt Fahrt auf.
Schumacher: Ja das haben wir, aber die Ehre gebührt nicht mir alleine. Mein Kollege Alfred Felder, der jetzt auch im Vorstand ist, hat mit Tridonic schon ein Jahr früher begonnen, massiv in die Entwicklung von Neuprodukten zu investieren. Wir liegen heute bei einer LED-Rate von rund 70 Prozent und sind damit – bei der Größe unseres Unternehmens – führend.
Wie sind die Aussichten 2017?
Schumacher: Wir sehen einen großen Markt, weil es einen großen Nachholbedarf bei der Umrüstung auf LED-Beleuchtung gibt. Denn die Umstellung rechnet sich durch die Energieeinsparungen für den Kunden immer. Wir sitzen in Europa in dem Markt, der am langsamsten wächst. Die großen Wachstumsraten gibt es in Asien. Andererseits ist der europäische Markt aber stabiler. Grundsätzlich wird der Wettbewerb härter. Wettbewerber aus Asien haben hochmoderne Fabriken und durch hohe Stückzahlen mittlerweile auch eine gute Qualität. Deshalb ist für uns das neue Service-Geschäft so wichtig, denn damit wird es gelingen, uns abzuheben und die Zumtobel Group in eine erfolgreiche Zukunft zu führen. Mehr und mehr werden wir intelligente Gesamtlösungen verkaufen. Das wird uns auch heuer fordern.

Zumtobel Fakten
Zumtobel 1. Halbjahr 2016/17
» Umsatz: 667,3 Mill. Euro (-4,9 %)
» Ebit: 44,3 Mill. Euro (+19,9 %)
» Mitarbeiter inklusive Leiharbeiter: 6707 (-0,8 %)
» Dr. Ulrich Schumacher – seit 2013 CEO der Zumtobel Group. Ab 1986 bei Siemens, ab 1998 im Zentral-Vorstand der Siemens AG. 2000 Börsengang mit Infineon, 2007 bis 2011 CEO Grace Semiconductor Manufacturing Corporation.