Nachfrage nach Unternehmensfinanzierung 4.0

22.07.2019 • 09:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Sich einen Überblick über alle alternativen Finanzierungsanbieter und -formen zu verschaffen, ist keine einfache Aufgabe.
Sich einen Überblick über alle alternativen Finanzierungsanbieter und -formen zu verschaffen, ist keine einfache Aufgabe.

Wieso alternative Finanzierungsformen für Firmen wie auch Banken Potenzial haben.

Dornbirn Noch nie gab es in Vorarlberg so viele Menschen, die den Sprung in die Selbstständigkeit wagten. 1129 gründeten im vergangenen Jahr ein Unternehmen, im ersten Halbjahr 2019 waren es 581.

Die heimische Gründerszene wächst. Aber neben der Hauptmotivation, sein eigener Chef zu sein, gibt es auch Hürden. 21 Prozent der Vorarlberger Gründer sehen laut einer Wirtschaftskammerumfrage die Finanzierung und die Möglichkeit für Kredite als Haupthindernisse. „Gerade bei technologiegetriebenen Start-up-Unternehmen tun sich Banken schwer“, weiß Michael Grahammer. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Hypo Vorarlberg Bank berät und begleitet heute mit der Grahammer & Partner Unternehmensberatung Firmen und die öffentliche Hand bei strategischen Themen, Beteiligungen, Verkäufen sowie Bank- und Kapitalmarktthemen.

Dass ein Technologie-Start-up Schwierigkeiten hat, einen Bankkredit zu bekommen, sei nachvollziehbar. Das Korsett der Regulatorik wurde in den vergangenen Jahren immer enger. Zudem sei die Bestimmung der Kreditwürdigkeit gerade bei jungen Firmen enorm aufwendig und es gebe keine Vergleichbarkeit.

Alternative Finanzierungsformen sind auch für etablierte Unternehmen interessant.

Michael Grahammer

Mit seinem Team hat Grahammer eine Datenbank mit allen relevanten alternativen Finanzierungsanbietern für Unternehmen erarbeitet. „Wir wollten damit einen Überblick verschaffen, welche Finanzierungsformen es gibt“, sagt er im VN-Gespräch.

Über 1000 Investorenprofile

Der Überblick über die Szene der alternativen Finanzierungsanbieter ist umfangreich. Die unternehmenseigene Datenbank umfasst über 1000 Investorenprofile überwiegend aus der D-A-CH-Region sowie ganz Europa. Darunter sind Crowdfunding-Plattformen, Start-up-Fonds, Private-Equity- oder Venture-Capital-Investoren, die Eigenkapital für junge Wachstumsunternehmen zur Verfügung stellen. Genauso finden sich Privatstiftungen und Family Offices, also Privatvermögensverwalter von Eigentümerfamilien, die in Unternehmen investieren; oder sogenannte „Business Angels“ – oft erfahrene Unternehmer, die sich finanziell an Firmen beteiligen, genauso aber auch ihre Expertise und Kontakte einbringen. Enthalten sind Kreditfonds von institutionellen Investoren wie Versicherungen oder auch eine Übersicht über Förderungen, Import- und Exportfinanzierungen oder Schuldscheindarlehen, auch Fintechs, die online Finanzierungsmöglichkeiten vermitteln, sowie Finetrader, die als Zwischenhändler zwischen Lieferant und Käufer agieren und Bestellungen vorfinanzieren. Viele der alternativen Finanzierungsmöglichkeiten bieten sich speziell für junge Unternehmen an. Genauso finden sich auf der Plattform Möglichkeiten für bereits etablierte Unternehmen zur Wachstumsfinanzierung. 

In der Thematik berät Grahammer aber nicht nur Unternehmen mit Kapitalbedarf, sondern bietet unter dem Titel „Financial Engineering 4.0“ genauso auch Workshops für Banken an. „Bankmitarbeiter haben oft gar keine Zeit, sich selbst einen Überblick über die vielen verschiedenen Bereiche zu verschaffen. Banken sollten sich damit aber auseinandersetzen, sonst werden sie zum reinen Produktanbieter“, so Grahammer.

Ergänzende Instrumente

Ein Entweder-oder ist es nicht. „Es sind ergänzende Instrumente zur Bankenfinanzierung“, ist Grahammer überzeugt. „Banken sollten Alternativen anbieten. Auch wenn sie selbst keinen Kredit bereitstellen können, sollten sie eine Lösung für diese Unternehmen haben, ohne dabei selbst ins Risiko gehen zu müssen.“ Ignorieren dürfe man das Thema jedenfalls nicht, sonst verzichte man nicht nur auf Potenzial, sondern auch auf wertvolle Kundenbeziehungen.