Chancen für heimische Firmen trotz Brexit

Markt / 17.09.2019 • 09:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
In Großbritannien gehen die Wogen derzeit hoch. Die Frage ist, ob es ein harter oder weicher Brexit wird. AFP

Großbritannien und Irland stehen im Lichte des Brexit. Einfach wird das nicht. Aber für österreichische Firmen tun sich dennoch Chancen auf.

Dornbirn Irland und Großbritannien – zwei Länder, die vor allem aus einem Grund besonders im Fokus stehen. Dem Brexit. „Das Thema ist quasi mein Leben geworden“, sagt Christian Kesberg vom Außenwirtschaftscenter in London. Die Unternehmen seien die Situation aber mittlerweile gewöhnt und dementsprechend pragmatisch. „Sie ärgern sich, aber leben damit“, so der Handelsdelegierte im VN-Gespräch. Noch heißt es „Bitte warten“. Darauf, ob es nun einen „Hard Brexit“ gibt oder nicht.

Insgesamt, so Kesberg, werde das Geschäft mit Großbritannien durch den Brexit „schwieriger und teurer“. Es sei ein Verlustgeschäft für alle. Aber er relativiert auch. „Großbritannien mit seinen 65 Millionen Einwohnern verschwindet als Markt ja nicht. Es ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der EU und die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt.“

Profitieren würden künftig österreichische Unternehmen mit einer Produktionsniederlassung im Land. „Diese haben gegenüber Lieferländern einen 15-prozentigen Preisvorteil.“ Zudem seien die Chancen auch für Nischenplayer ohne lokale Konkurrenz intakt. „Nischenplayer schlafen gut“, sagt Kesberg. Wahrscheinlich gehen die Volumina zurück und man müsse mehr Aufwand betreiben, aber irgendwann werde wieder Normalität einkehren.

Dass aktuell in Großbritannien wenig investiert werde, hätte einen positiven Nebeneffekt. „Wenn Firmen nicht in Maschinen investieren, dann dafür in Arbeitskräfte. Die Arbeitslosigkeit liegt bei vier Prozent und die Lohnentwicklung ist positiv. Deshalb ist die Konsumnachfrage nicht so beeinträchtigt, wie ursprünglich angenommen“, erklärt Kesberg. Heuer sei ein Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent prognostiziert. Für das kommende Jahr 1,2 Prozent, falls es nicht zu einem harten Brexit kommt.

Auch für den Finanzplatz London sei es nicht das Ende, ist der Handelsdelegierte überzeugt. „Er bekommt höchstens eine Delle, aber er ist nicht gefährdet. Das Know-how geht weit über die Transaktionen mit der EU hinaus. Der Finanzplatz London lebt nur zu einem Drittel von der EU.“ Deshalb halte sich auch die Abwanderung der Banken in Grenzen. „Von 800.000 Arbeitsplätzen wurden in etwa 10.000 Stellen abgebaut.“

Viele davon sind mittlerweile in Irland beheimatet, wie Josef Treml vom Außenwirtschaftscenter in Dublin erklärt. „104 Banken und Versicherungen haben ihr Europa-Headquarter nun in Dublin angesiedelt.“

Irland hat in den vergangenen Jahren starke Wachstumszahlen zwischen fünf und acht Prozent erzielt. „Im Windschatten großer Internet- und Pharmakonzerne. Denn neun der zehn größten Pharmakonzerne der Welt haben einen Produktionsstandort in Irland“, betont Treml. Insgesamt würden hauptsächlich die Städte vom Brexit profitieren. Schwieriger werde es für die Agrarwirtschaft. „Neun Prozent aller irischen Exporte gehen nach Großbritannien. Im Agrarbereich ist es ein deutlich höherer Prozentsatz. Bei Rindfleisch sind es 50 Prozent.“ Deshalb würden sich die exportierenden Produzenten nach neuen Märkten umschauen.

Nahrungsmittel bis Umwelt

Für österreichische Firmen ergeben sich in Irland indes vielfältige Chancen, sagt der Handelsdelegierte. „Für die Nahrungsmittelindustrie, weil Irland viele Produkte wie Marmeladen oder Säfte aus Großbritannien importiert. Für Unternehmen aus den Bereichen Schiene, Umwelt oder Wärmepumpentechnik, weil Irland 116 Milliarden Euro in die Infrastruktur investieren will. Oder für Onlinehändler, weil die Iren aktuell zu 80 Prozent in Großbritannien bestellen.“

Eigene Niederlassungen in Irland unterhalten derzeit nur wenige österreichische Firmen. Viele betreuen Irland von Großbritannien aus. Das wird sich ändern, ist Treml überzeugt. „Sie sind nun aufgrund des Brexit gezwungen, ihre Irland-Strategie zu überdenken.“