„Wie eine Ameise im Kreis“

Markt / 19.09.2019 • 20:01 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die elfte Auflage der Fuckup Night lockte über 300 Besucher in den Dornbirner Spielboden. VN/JUL
Die elfte Auflage der Fuckup Night lockte über 300 Besucher in den Dornbirner Spielboden. VN/JUL

Die Fuckup Night zeigt, dass Scheitern nicht das Ende bedeutet.

Dornbirn Björn Groß, ein erfolgreicher und gutmütiger Unternehmensberater, steigt in ein vielversprechendes Klimaschutzprojekt ein und wird ausgenutzt und betrogen. Marco Deutschmann wird beim vierten Flug von Brasilien nach Paris mit vier Kilogramm Kokain erwischt. Dafür muss er für sieben Jahre ins Gefängnis. Heute ist er Lebenscoach. Alfred Stigl wird Opfer eines Machtkartells, das sich gegen ihn verschwört und bleibt auf seinem Biolebensmittelfarbstoff sitzen, den er tonnenweise produziert hat. Daniel Leeb denkt, er hat einen Großauftrag von 100.000 Sets seines neuen Produkts in der Tasche, als sich der Deal als glatte Lüge herausstellt.

Keiner redet gerne über seine Misserfolge, leben wir doch in einer Erfolgsgesellschaft, in der wir an unseren Leistungen gemessen werden. Der Fokus liegt auf dem beruflichen Erfolg. Warum gestehen wir uns also nicht auch unsere Misserfolge ein und reden darüber?

Konservative Haltung aufbrechen

Die Fuckup Night hat es sich zum Ziel gesetzt, genau das zu tun. Am Mittwoch fand die elfte Veranstaltung des Scheiterns im Spielboden in Dornbirn mit über 300 Zuschauern statt. „Scheitern tun wir alle, das ist menschlich. Die entscheidende Frage ist, wie wir damit umgehen“, erklärt Saša Filipovic, Initiator des Formats in Vorarlberg. Scheitern bedeute keineswegs das Ende. „Fehler werden noch immer unter den Teppich gekehrt, speziell in Vorarlberg, erklärt Filipovic. „Die Vorarlberger kommen gerne auf die Fuckup Nights, selbst vor Publikum zu reden, fällt ihnen noch schwer. Wir versuchen, diese konservative Haltung aufzubrechen.“ Wenn man erfahren würde, dass es anderen genauso ginge und es deshalb keinen Grund für Scham oder Minderwertigkeitsgefühle gäbe, wäre man auf dem besten Weg, das Scheitern als etwas Normales und Alltägliches zu betrachten, das zum Leben dazugehört.

Auch Daniel Leeb schien sich auf der Überholspur zu befinden: Bei einem ersten Gründerwettbewerb kam er mit seinem Produkt – einem innovativen Blinkersystem für Fahrradfahrer – gleich unter die ersten fünf Gewinner, bei der Puls4-Show „2 Minuten 2 Millionen“ überzeugte er die prominente Jury.

Leeb schmiss seinen damaligen Job hin. Denn alles lief gut. Der Unternehmer kam seinem Traum vom Eigenheim und einer Familie immer näher. In den zwei Monaten darauf, kam der Auftrag seines Lebens, wie er zu diesem Zeitpunkt glaubte: ein Großauftrag von 100.000 Sets seines Produkts.

Überforderung

Alle Ressourcen wurden mobilisiert, es drehte sich alles nur mehr um den Großkunden und die überwältigende Herausforderung. „Man rennt wie eine Ameise im Kreis, bis man nicht mehr kann“, beschreibt er die Überforderung. Als das Kapital zur Vorfinanzierung immer knapper wurde und sie wie auf Nadeln saßen, kam der Satz, der alles verändern sollte: „Daniel, wir haben gar keinen Großauftrag.“

Der Unternehmertraum löste sich in Luft auf, genauso wie die Lebensversicherung und das Patent. Was bleibt? Nicht nur der Misserfolg, sondern viele wertvolle Erfahrungen und wichtige Lehren. Zudem die Erkenntnisse, wer dennoch zu einem hält und dass das Scheitern nicht das Ende bedeutet. VN-jul

„Scheitern tun wir alle. Die entscheidende Frage ist, wie wir damit umgehen.“