Österreichs Stiefkinder

Markt / 29.11.2019 • 22:09 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Österreich hat aktuell eine Forschungsquote von 3,19 Prozent des BIP und liegt damit hinter Schweden an zweiter Stelle in der EU. Diese an sich positive Tatsache täuscht jedoch oft darüber hinweg, dass unser Land gleichzeitig in Rankings zu Innovationsperformance und Wettbewerbsfähigkeit stetig zurückgefallen ist. Mit anderen Worten: die heimische Leistungsfähigkeit ist, abgesehen von einzelnen Ausnahmebereichen, im Vergleich zu den führenden Innovationsländern konstant rückläufig.

Die 2011 beschlossene Forschungsstrategie 2020 mit dem Ziel, zu den Innovation Leaders aufzuschließen und damit die wirtschaftliche Entwicklung sowie Lebens- und Umweltqualität abzusichern, hat zwar in manchen Bereichen eine positive Dynamik ausgelöst, jedoch nicht ausgereicht, um an die führenden Länder – Dänemark, Deutschland, Finnland und vor allem die Schweiz – aufzuschließen. Während diese ihre Top-Positionen halten oder ausbauen, verliert Österreich kontinuierlich an Boden.

Dieser Befund wird dadurch verschärft, dass zentrale FTI-politische Maßnahmen trotz Ankündigung von Türkis-Blau nicht realisiert wurden: keine Exzellenzinitiative zur Stärkung der wissenschaftlichen Qualität, kein mit konkreten Zahlen hinterlegtes Forschungsfinanzierungsgesetz und keine transparente Forschungsförderungsdatenbank, die diesen Namen auch verdient.

Übertroffen wird diese Vernachlässigung zukunftsgestaltender Bereiche nur mehr durch jene, die dem Bildungssystem widerfährt. Dort müssen vor allem die Problembereiche „Bildungsvererbung“ und „Bildungsarmut“ endlich konsequent und ohne Ideologie adressiert werden. Dies ist nicht nur der Chancengleichheit geschuldet, sondern vor allem auch im Interesse des Innovations- und Wirtschaftsstandortes Österreich. Viel zu lange hat sich die Bildungspolitik fast ausschließlich mit Fragen der Schulorganisation beschäftigt, nicht aber mit der Schaffung optimaler Lehr- und Lernbedingungen für alle. Es gibt daher nach wie vor zu wenig Verständnis für die Notwendigkeit qualitativ hochwertiger vorschulischer Bildungsangebote, die flächendeckende verschränkte Ganztagsschule und das Ende der zu frühen Trennung von Bildungswegen.

Resümee: Unser Land braucht eine fokussierte strategische Zukunftsorientierung mit einem deutlichen Schwerpunkt auf den Bereichen Bildung, Wissenschaft, Forschung und Innovation. Und wer wirklich gut werden will, muss sich an den Besten orientieren. Wir sollten uns daher für einige Zeit die Schweiz zum Vorbild nehmen.

„Die heimische Leistungsfähigkeit ist im Vergleich zu den führenden Innovationsländern konstant rückläufig.“

Hannes Androsch

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Dr. Hannes Androsch ist Finanz­minister i. R. und Unternehmer.