„Weniger schlecht ist nicht gleich gut“

Markt / 23.01.2020 • 19:25 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Experte plädiert in Klimadiskussion für Innovation statt Verzicht.

Dornbirn Michael Braungart ist Mitbegründer eines Prinzips, das in der aktuellen Klimadiskussion so aktuell ist wie nie. Bei „Cradle to Cradle“ dreht sich alles um Kreisläufe.

Als Vorbild dient dabei die Natur. Denn sie erzeugt keine Abfälle und sie kennt weder Reduktion noch Vermeidung. Für Braungart, der auf Einladung des Vereins Ökoprofit in Dornbirn zu Gast war, geht es darum, nützliche Produkte und Dienstleistungen zu haben, nicht solche, die weniger schädlich sind. Den Begriff klimaneutral mag er deshalb nicht. „Klimaneutral kann man nur sein, wenn man nicht existiert. Dafür sind wir aber zu viele auf der Welt. Der Mensch soll nicht als Plage verstanden werden. Wenn ich also Wasser spare oder weniger Auto fahre, bedeutet das nur weniger Zerstörung. „Wir fahren langsamer, aber immer noch in die falsche Richtung. Aber weniger schlecht ist nicht gleich gut“, sagt er. Denn wenn etwas falsch sei, optimiere man damit nur das Falsche.

Bei Cradle to Cradle werden Güter entweder als biologische Nährstoffe in biologische Kreisläufe zurückgeführt oder als technische Nährstoffe in technischen Kreisläufen gehalten. Beispiele? Biologisch bedeutet, das Produkt ist beispielsweise kompostierbar. Ein technisches Gebrauchsgut wäre beispielsweise eine Waschmaschine. Sie ist dann so konzipiert, dass die Materialien wiederverwendet werden können. Dazu, so Professor Braungart, brauche es aber andere Geschäftsmodelle. „Die Waschmaschine wird dann nicht verkauft, sondern es wird deren Nutzung zur Verfügung gestellt. Der Hersteller verkauft also 1000 Mal saubere Wäsche. Nach dieser definierten Nutzungsdauer geht die Maschine wieder zurück an den Produzenten, der die Materialien dann zurückgewinnen kann.“ Der große Vorteil sei dabei, dass der Produzent teurere Materialien verarbeiten kann und somit nicht mehr in Konkurrenz mit Asien stehe und die Wiederverwertung planbar sei, sagt Braungart.

Qualität statt Moral

Der Umweltgedanke sei somit kein moralisches Thema, sondern vielmehr ein Qualitätsthema. Als Beispiel nennt er auch das Dornbirner Unternehmen Zumtobel, das nun begonnen hat, anstelle eines einmaligen Leuchtenkaufs das Licht als Serviceleistung zu verkaufen.

11.000 Produkte

Mittlerweile gebe es über 11.000 Produkte nach dem Cradle to
Cradle Prinzip. Die Kollektion von Wolford beispielsweise ist sowohl biologisch abbaubar als auch technisch wiederverwertbar. Im niederländischen Venlo werden Gebäude so gebaut, dass alle Rohstoffe nach dem Gebrauch erneut verwendet werden können.

Was Braungart, der in den 80er- Jahren eine leitende Funktion bei Greenpeace hatte und nun an Universitäten lehrt, vom derzeitigen Klimahype hält? „Es gibt keinen Grund zur Panik. In Panik wird man nicht fortschrittlich.“ VN-reh

„Klimaneutral kann man nur sein, wenn man nicht existiert. Dafür sind wir aber zu viele.“