Hannes Androsch

Kommentar

Hannes Androsch

Sitzen geblieben

Markt / 28.03.2021 • 06:26 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Fast 400.000 ÖsterreicherInnen unterstützten vor zehn Jahren das Volksbegehren Bildungsinitiative (VBBI). Unter dem Motto „Österreich darf nicht sitzen bleiben“ wurde eine umfassende Bildungsreform gefordert, denn schon damals war klar, dass unser Bildungssystem in der „Kreidezeit“ steckengeblieben war und nicht mehr den Anforderungen entsprach.
Passiert ist seither … NICHTS, jedenfalls nichts in Richtung Zukunft. Im Gegenteil: Die schulpolitischen Maßnahmen der vergangenen Jahre – Wiedereinführung des „Sitzenbleibens“, Ziffernnoten ab der 2. und „Kompetenzmessung“ in der 3. Schulstufe, umstrittene Deutschförderklassen – waren nach Ansicht der Bildungsforscherin Barbara Herzog-Punzenberger eine „Rolle rückwärts statt Innovation nach vorne“. Und trotz einer zunehmend digitalisierten Welt mangelt es immer noch an zeitgemäßen pädagogischen Konzepten und innovativen Ideen. Gleichzeitig krankt das gesamte Schulwesen an überbordender Bürokratie, falsch verstandenem Föderalismus und am Festhalten an überholten Modellen.

„Lernrückstand, vielfach sogar Lernausfall, haben eine beschädigte Generation C(orona) geschaffen.“


Nun hat auch noch die Covid-Pandemie dramatische Schäden hinterlassen. Lernrückstand, vielfach sogar Lernausfall, haben eine beschädigte Generation C(orona) geschaffen – mit verheerenden Langzeitfolgen. So hat sich v.a. die schon bisher gravierende soziale Ungleichheit noch weiter verschärft – zum Schaden aller angesichts der Tatsache, dass in einem rohstoffarmen Land die Talente aller Jugendlichen der wichtigste Rohstoff sind.
Angesichts dieser Situation braucht es Sofortmaßnahmen, etwa das Schulfach „Digitales Lernen“, individuelle Lernangebote im Falle neuerlicher Schulschließungen, Lernangebote in den Sommerferien und die Neuausrichtung der Deutschförderung.
Zudem ist die Umsetzung der vom Bildungsvolksbegehren geforderten Maßnahmen überfällig. Es braucht eine digitale Nachrüstung der Schulen, verbunden mit verpflichtender Weiterbildung der LehrerInnen, eine Entrümpelung der Lehrpläne, mehr Begleitpersonal, eine Aufwertung der Elementarpädagogik, eine leistbare ganztägige frühkindliche Betreuung und verschränkten Ganztagsunterricht. Vor allem aber müssen wir endlich Abschied nehmen vom Bildungsmodell des Industriezeitalters, welches davon ausging, dass Kinder im gleichen Alter auch die gleichen Leistungen erbringen sollen, ohne Rücksicht auf die Tatsache, dass sich jedes Kind individuell entwickelt. Wir müssen endlich auch Abschied nehmen vom Selektionsgedanken, der vorgibt, sich an den Leistungen der Kinder zu orientieren, tatsächlich aber nur die Unterstützungsleistungen der Eltern honoriert.
Vor einem Jahrzehnt haben wir gefordert: Österreich darf nicht sitzen bleiben. Mit Sorge müssen wir nun feststellen: Österreich IST sitzen geblieben.

Dr. Hannes Androsch ist Finanz­minister i. R. und Unternehmer.