Deshalb hat Lehm Zukunft

Markt / 10.10.2021 • 05:30 Uhr
Deshalb hat Lehm Zukunft
Martin Rauch: In der Produktionshalle in Schlins können Lehmbauteile vorgefertigt werden. VN/PaulitschIm Gespräch Martin Rauch

Der Schlinser Martin Rauch zeigt seit fast vier Jahrzehnten, wie vielfältig der Werkstoff Lehm ist.

Schlins Vor 39 Jahren hat Martin Rauch seinen ersten Lehmbau errichtet. Seither sind viel beachtete Bauten in ganz Europa entstanden. Er hofft auf eine breitflächige Renaissance dieser Baumethode im Zeichen der Nachhaltigkeit und tut alles dazu, damit dies gelingt.

Herr Rauch, die EU hat vor Kurzem zwei Ihrer Projekte ausgezeichnet – ein Durchbruch für Lehmbau?

Martin Rauch Das ist schon erstaunlich und das ist ein Paradigmenwechsel. Man nimmt den Lehmbau zum ersten Mal richtig ernst. Für mich ist der Preis sehr wichtig, weil es ein gesamteuropäischer Preis ist und eigentlich die Vorfertigung von Lehmelementen sichtbar wird. Es ist auch deshalb wichtig, weil der Lehmbau keine Lobby hat. Der European Bauhaus Award ist so ein Instrument. Das motiviert auch andere, in diese Richtung zu arbeiten.

Lehmbau ist eine der ältesten Methoden, um zu bauen. Wie konnte es passieren, dass er fast in Vergessenheit geriet?

Rauch Im Zuge der Industrialisierung war genug Energie vorhanden, um Ziegel zu brennen, Stahl zu produzieren, Zement herzustellen und man hat sich nicht gefragt, ob das gut für die Umwelt ist. In der Zeit hat man im Prinzip auch noch – sogar bis heute – gedacht, dass jeder Baustoff, der neu ist, besser ist als der alte. Vor 150 Jahren haben wir mit 13 Baustoffen gearbeitet, heute bauen wir mit Tausenden Baustoffen. So ist der Baustoff Lehm verdrängt worden.

„Das Engagement, das Feuer, das brennt, ergibt sich aus der Sinnhaftigkeit dieser Arbeit, weil es Wohnraum schafft, der gesund und schön ist und gleichzeitig der Umwelt dient.“

Martin Rauch

Bei bestehenden Lehmbauten muss immer wieder erneuert werden. Ist Lehm kein dauerhafter Baustoff?

Rauch Das ist so nicht richtig. Ich arbeite auch mit kalkulierter Erosion, das heißt, dass ich die Lehmwände so stabil mache mit Erosionsbremsen, mit Vordach etc., damit das Gebäude kontrolliert erodiert. Ein Lehmhaus braucht ein gutes Fundament, einen guten Stiefel und einen guten Hut. Wenn das gewährleistet ist, dann ist das auch dauerhaft. Das Schöne beim Lehm ist, dass das, was erodiert ist, wieder genommen und einfach draufgestrichen werden kann. Und das muss man auch nicht jedes Jahr machen, sondern alle drei bis vier Jahre. Lehm ist auf jeden Fall zuverlässig genug.

Viele potenzielle Kunden sagen, der Baustoff Lehm sei zu teuer

Rauch Das muss ich mit Jein beantworten. Ich bin jetzt 35 Jahre in diesem Bereich tätig und ich kann sicher genauso viele private Bauherren zählen wie öffentliche. Lehmbau braucht sehr viel mehr Arbeitskraft, es ist Handwerk. Wir arbeiten sehr viel mit Prototypen, das sind neue Entwicklungen. Und das ist in der Regel immer etwas teurer. Wenn die Kostenwahrheit bei den ganz normalen Baustoffen gegeben ist, also Recycling, Entsorgung, Einsatz von Primärenergie, dann wird Lehm günstiger. Auch dadurch, dass sich mehr Firmen mit Lehmbau beschäftigen, wird es günstiger. Bei einem Lehmhaus, wie wir es hier machen, sind die Mehrkosten derzeit im Bereich von 30 Prozent. Das ist natürlich viel, aber tendenziell nähert sich das an. Wenn man alle Parameter – etwa die Nachhaltigkeit , das Klima und die Qualität berechnet, dann hat das Haus eine gute Bilanz. Es ist sicher, dass Energie teurer wird, auch die CO2-Bepreisung wird steigen. Für uns ist das nur gut. Wir produzieren mit Aushubmaterial aus dem Walgau. Die Energie, die wir brauchen, kommt von der Sonne und einem kleinen Wasserkraftwerk.

Ihr Lehm Ton Erde-Werk ist eine halbindustrielle Fertigung, Wird dadurch der Lehmbau günstiger?

Rauch Diese Halle hat so eine Größe, dass man in Zukunft die schwere handwerkliche Arbeit reduzieren kann und dadurch der Lehmbau schon günstiger wird. Aber wir müssen noch ganz viel entwickeln im Bereich Logistik und Transport, da entwickeln wir uns ständig weiter. Letztendlich billiger wird es auch, wenn es mehr Firmen gibt, die so bauen. Lehmbau sollte zu einer selbstverständlichen Bauweise werden, dass das nicht nur Exklusivität vermittelt, sondern ganz selbstverständlich umgesetzt wird. Beim Lehmputz geht es ja schon in diese Richtung. Ich sehe schon das Potenzial, dass man Stampflehm als tragendes Element versetzt in Kombination mit Holz. Für mich ist das der richtige Weg in die Zukunft.

„Es war gut, dass ich als Künstler mit dem Lehmbau begonnen habe, da hatte ich eine gewisse Narrenfreiheit.“
„Es war gut, dass ich als Künstler mit dem Lehmbau begonnen habe, da hatte ich eine gewisse Narrenfreiheit.“

Was sind für Sie persönlich Ihre beeindruckendsten Bauten?

Rauch Eines der wichtigsten Projekte für mich war das Landeskrankenhaus in Feldkirch im Jahr 1990. Dann die Versöhnungskirche in Berlin im ehemaligen Todesstreifen, das Ricola-Gebäude in der Nähe von Basel und ganz aktuell das Headquarter von Alnatura in Darmstadt. Solche Projekte waren und sind immer sehr hilfreich, man konnte sie angreifen, es hat gezeigt, dass man mit Lehm bauen kann. Aktuell werden so viele Projekte mit Lehm geplant in Deutschland, in der Schweiz und in Saudi Arabien, wo wir die Fachplanung machen.

Wie wurden Sie Lehmbauer?

Rauch Ich habe als Keramiker mit dem Lehmbau begonnen. Als Künstler hatte ich eine gewisse Narrenfreiheit. Ich habe erst später, als die Projekte immer größer geworden sind, das professionalisiert. Jetzt sind wir eine Baumeisterfirma, zugelassen auf Lehmbau. Meines Wissens gibt es jetzt zwei solche Zulassungen in Vorarlberg.

Brennt das Feuer für Lehmbau auch nach 39 Jahren?

Rauch Man kann wahnsinnig viel entdecken und entwickeln. Mein Credo ist, nicht das Material zu verändern, sondern die Werkzeuge zu entwickeln. Das Engagement, das Feuer, das brennt, ergibt sich aus der Sinnhaftigkeit dieser Arbeit, weil es Wohnraum schafft, der gesund und schön ist und gleichzeitig der Umwelt dient.  Deshalb heißt die Firma Lehm Ton Erde. Lehm als Symbol für handwerkliche Entwicklung, Ton steht für Architektur und Schönheit und Erde ist das Symbol für Nachhaltigkeit und Politik.

Zur Person

Martin Rauch

Gründer und Geschäftsführer von Lehm Ton Erde Baukunst GmbH

Geboren 17. Mai 1958

Ausbildung Fachschule für Keramik und Ofenbau in Stoob (Burgenland), Hochschule für angewandte Kunst (Diplomarbeit Lehm Ton Erde Verwendungsvorschläge)

Laufbahn selbstständig als Künstler, danach als Lehmbaufachmann, Baumeister, Unternehmer und Künstler, seit 2010 Unesco Lehrstuhl für ethereal architecture

Familie zwei Kinder, zwei Enkel

 

Lehm Ton Erde Baukunst GmbH

Gegründet 1999

Mitarbeiter 25

Standorte Österreich, Schweiz

Märkte D, F, GB, CH, I, USA, VAE