Industrie kritisiert „Relikte aus vergangenen Zeiten“

Vom Nacht-60er bis zu langen Genehmigungsverfahren: Industrievertreter orten hausgemachte Standortnachteile.
Dornbirn “Es ist nur ein Beispiel dafür, wie wir uns selbst ein Bein stellen”, sagt Industrie-Spartenobmann Markus Comploj (Getzner Holding) und nennt das nächtliche 60-km/h-Lkw-Tempolimit auf der Autobahn A14 und der S 16. “Ein Relikt aus vergangenen Zeiten, das rasch beseitigt gehört. Heute sind Lkw nicht mehr laut, dennoch wird das nicht hinterfragt.” Mit Tempo 80 ließe sich eine nächtliche Lkw-Fahrt zwischen Bregenz und dem Arlberg um eine halbe Stunde verkürzen, zwischen Bregenz und Wien sogar um zwei Stunden.
Trendwende ohne Aufschwung
Bürokratie zählt – neben den hohen Lohnnebenkosten – zu den größten Ärgernissen der heimischen Unternehmen. Die aktuelle Industriekonjunktur, für die 34 Industriebetriebe mit insgesamt 23.775 Mitarbeitern befragt wurden, fasst Comploj so zusammen: “Trendwende ja, Aufschwung nein.” Zwar sei eine leichte Erholung erkennbar, diese falle jedoch je nach Branche sehr unterschiedlich aus.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Sonstige angezeigt.
“Während die Maschinen- und Metallindustrie ein positives Ergebnis zeigt und sich auch die Betriebe der Lebensmittelindustrie stabil entwickeln, haben sich die Rückmeldungen aus der Textilindustrie nur leicht verbessert”, sagt Industrie-Spartengeschäftsführer Michael Amann. Am stärksten unter Druck stehe derzeit die Elektro- und Elektronikindustrie, und auch aus der Verpackungsindustrie gebe es nach wie vor keine Entwarnung, ergänzt IV-Geschäftsführer Simon Kampl.
Gleichbleibend herausfordernd
Insgesamt könne von einer tragfähigen Erholung keine Rede sein, betont Markus Comploj. Rund 18 Prozent der befragten Betriebe planen in den kommenden Monaten einen Personalabbau, nur vier Prozent wollen den Personalstand erhöhen. Die Geschäftslage in sechs Monaten wird von 85 Prozent der Unternehmen als gleichbleibend herausfordernd eingeschätzt. Wann mit einer spürbaren Verbesserung zu rechnen ist, können 41 Prozent derzeit nicht abschätzen. “Die Unsicherheiten werden bleiben”, ist sich Comploj sicher – obwohl es durchaus Hebel gebe: bei den Lohnnebenkosten und bei der Geschwindigkeit von Genehmigungsverfahren, insbesondere in Vorarlberg.

Die Industriestrategie sieht er grundsätzlich positiv, denn der Standort brauche einen international wettbewerbsfähigen Strompreis. “Jetzt geht es darum, rasch in die Umsetzung zu kommen – und zwar ohne neue Steuern zur Gegenfinanzierung. Das muss aus dem öffentlichen Sektor kommen, denn der Staatsanteil ist in den vergangenen Jahren völlig aus dem Ruder gelaufen.” Das bedeute auch, unpopuläre Maßnahmen wie eine Anhebung des Pensionsantrittsalters umzusetzen. “Die fetten Jahre sind vorbei.”
“Gut, dass es Chefsache ist”
Zweifel kommen ihm allerdings, wenn er das Hickhack rund um das Mercosur-Abkommen verfolgt. “Fakt ist: Wir brauchen neue Exportmärkte. Doch mit diesem fragwürdigen Abstimmungsverhalten stimmen wir uns den Aufschwung quasi selbst weg.” Groß ist indes seine Erwartungshaltung gegenüber der neu geschaffenen Landesstelle für Bürokratieabbau. “Es ist jedenfalls gut, dass das Thema zur Chefsache erklärt wurde. In einem Unternehmen kann ich schließlich auch nicht sagen: Organisiert euch selbst. Es braucht klare Vorgaben von oben.”