“Frauenförderung ist gut gemeint, aber oft nicht wirksam”

Für Sandra Jehle-Troy ist nicht fehlende Kompetenz das Problem, sondern die Frage, was Frauen konkret brauchen, um Verantwortung zu übernehmen.
Hörbranz Am Weltfrauentag wird traditionell viel über Gleichstellung gesprochen: über Quoten, über gläserne Decken, über fehlende Vorbilder. Und doch bleibt eine Frage hartnäckig: Warum ist der Anteil von Frauen in Führungspositionen nach wie vor gering? Laut einer Studie des Informationsdienstleisters CRIF Österreich liegt der Frauenanteil in Führungspositionen in Vorarlberg aktuell bei 26,2 Prozent.

Sandra Jehle-Troy (51) hat darauf eine klare Antwort. “Weil Frauenförderung oft gut gemeint, aber nicht wirksam ist.” Die Hörbranzerin war 22 Jahre lang Geschäftsführerin von Glatz Stempel in Bregenz. Seit einem Jahr ist sie selbstständig und begleitet als Coach Frauen, die bereits führen oder den Schritt dorthin überlegen. Zudem berät sie Unternehmen, die ihre Frauenförderung strategisch weiterentwickeln wollen.

Programme greifen zu kurz
Ihre zentrale Beobachtung: Viele Programme greifen zu kurz. “Es ist nicht so, dass Unternehmen nicht in Frauenförderung investieren”, sagt Jehle-Troy. “Nur drehen sich die meisten Initiativen ausschließlich um Kompetenzen – dabei ist fehlende Qualifikation gar nicht das Problem.” Die entscheidende Frage sei vielmehr, unter welchen Bedingungen Frauen Verantwortung übernehmen wollen und wie Führungsrollen gestaltet sind.

“Der Schritt in eine verantwortungsvolle Position ist vor allem eine persönliche Entscheidung”, sagt Jehle-Troy. Frauen reflektierten sehr genau, welche Erwartungen damit verbunden sind – zeitlich, familiär und gesellschaftlich. Gerade wer Beruf und Familie vereinbaren müsse, wisse, dass diese Jobs meist Vollzeitmodelle mit hoher Verfügbarkeit sind. “Es sind also die Rahmenbedingungen, die passen müssen.” Frauenförderung müsse daher individueller werden. “Es geht darum zu fragen: Was brauchst du konkret?”

Vorbilder sind rar
Hinzu kommen strukturelle Faktoren. Weibliche Vorbilder sind nach wie vor rar, Netzwerke häufig männlich geprägt. “Ich habe selbst erlebt, dass ich die einzige Frau im Raum war”, sagt Jehle-Troy. Für Männer sei es selbstverständlicher, bestimmte Positionen anzustreben – sie seien einer von vielen. Genau darin liege ein wichtiger Hebel: Je mehr Frauen Verantwortung übernehmen, desto normaler werde es auch für andere.

In ihrer Coaching-Tätigkeit erlebt sie durchaus Unternehmen, die Frauenförderung “richtig gut machen”. Was unterscheidet sie von anderen? “Dort ist das Thema Chefsache.” Es beginne nicht in der Personalabteilung, sondern ganz oben – bei der Geschäftsführung. Und es werde nicht nur propagiert, sondern auch vorgelebt.

50 Prozent des Potenzials
Spätestens angesichts des demografischen Wandels bekommt das Thema auch eine wirtschaftliche Dimension. In Zeiten von Fachkräftemangel könne es sich kein Unternehmen leisten, auf 50 Prozent des Potenzials zu verzichten. “Aber zu sagen, wir sollten halt mehr Frauen fördern, ist zu wenig”, sagt Jehle-Troy. Denn Frauenförderung, die nur aus Vernunft geschieht, verändert noch keine Unternehmenskultur.