Warum plötzlich alle auf den Anleihemarkt schauen

US-Renditen steigen so stark wie seit 2007 nicht mehr. Was das für die Aktienmärkte bedeutet.
Dornbirn Diese Woche ist etwas geschehen, das es seit 19 Jahren nicht mehr gegeben hat: Die Rendite der 30-jährigen US-Staatsanleihe – also die Verzinsung, die Anleger erhalten, wenn sie den USA für 30 Jahre Geld leihen – stieg am 19. und 20. Mai im Verlauf des Handelstags auf 5,197 Prozent und schloss bei rund 5,18 Prozent. Das ist der höchste Stand seit Juli 2007. Auch die Rendite der 10-jährigen Bundesanleihe liegt mit rund 3,2 Prozent auf dem höchsten Niveau seit Mai 2011; die 30-jährige Bund-Rendite bewegt sich nahe bzw. über 3,5 Prozent.
Weshalb sind die Langfristrenditen derzeit so hoch? „Drei Treiber wirken zusammen“, sagt Börsenexperte Roland Rupprechter (R&B Wealth Management). „Erstens wiederaufflammende Inflation durch den Iran-Konflikt. Zweitens fiskalische Bedenken wegen des von Moody’s im Mai herabgestuften US-Ratings (Aa1) sowie hoher Defizite. Drittens die Frage nach Notenbank-Glaubwürdigkeit und geopolitischen Risiken. Das Bemerkenswerte: 62 Prozent der globalen Fondsmanager rechnen damit, dass die 30-Jahres-Rendite auf 6 Prozent steigt – ein Niveau, das es seit Ende der 1990er-Jahre nicht mehr gab.“

Was sollten Anleihen-Anleger nun tun? Eher kurze oder lange Laufzeiten? „Der Reflex wäre, lange Laufzeiten zu kaufen, weil die Renditen historisch hoch sind“, erklärt Rupprechter. „Doch das ist gefährlich verkürzt: Eine 30-jährige Anleihe bei 5,2 Prozent verliert bei einem weiteren Renditeanstieg um 80 Basispunkte auf sechs Prozent rund 15 Prozent an Kurswert.“ Der Grund: Steigen die Marktzinsen, verlieren bestehende Anleihen an Attraktivität, da neue Papiere höhere Renditen bieten.
Rupprechter empfiehlt deshalb eine mittlere Positionierung: Übergewichtung kurzer und mittlerer Laufzeiten (1–7 Jahre), neutral bis untergewichtet am langen Ende. Damit ließen sich größere Verluste im langen Laufzeitenbereich vermeiden. Zudem böten kurzlaufende US-Staats- und Bundesanleihen mit 3,7 bis 4,2 Prozent attraktive laufende Renditen bei deutlich geringerem Zinsänderungsrisiko. „Wer kurz bleibt, behält zudem Flexibilität, um bei klareren Signalen zu Inflation oder Arbeitsmarkt schrittweise ins mittlere oder lange Laufzeitensegment zu wechseln.“

Wie hoch ist das Risiko für die Aktienmärkte? „Solange die 30-Jahres-Rendite unter 5,5 Prozent bleibt, verkraften die Aktienindizes das Umfeld mit erhöhter Volatilität, aber ohne Bärenmarkt“, sagt der Dornbirner Finanzexperte.
Steigt die Rendite jedoch in Richtung sechs Prozent und bleiben gleichzeitig erwartete Leitzinssenkungen aus, gerieten die Aktienmärkte stärker unter Druck.

Rückgänge von fünf bis zehn Prozent beim S&P 500 wären dann möglich, beim DAX tendenziell weniger ausgeprägt. Besonders belastet wären laut Rupprechter zinssensitive Sektoren wie Technologie, Immobilien und Versorger, während Finanzwerte und Energie profitieren könnten. „In einem solchen Umfeld empfiehlt sich eine Übergewichtung der beiden Branchen. Global ausgerichtete Aktienportfolios können dank ihrer breiten Diversifikation auch in diesem Fall unverändert gehalten werden.“
Können Anleihen nach Jahren wieder zur Konkurrenz für Aktien werden? „Die 10-jährige US-Treasury liegt mit rund 4,6 Prozent bereits nahe ihrem 50-Jahres-Durchschnitt von etwa 5,5 Prozent. In den USA werden Anleihen damit zunehmend wieder zu einer ernsthaften Alternative zu Aktien“, sagt Rupprechter. „Den europäischen Pendants – etwa den 10-jährigen Bundesanleihen – fehlen hingegen noch rund zwei Prozentpunkte auf ihren langjährigen Mittelwert. Da europäische Aktien zudem günstiger bewertet sind als US-Werte, bleiben sie hierzulande die attraktivere Anlageklasse.“