Börsentipp: KI und Zinsen

Ökonom Stefan Bruckbauer (Bank Austria) über die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf die Wirtschaft.
Wien Betrachtet man die Wirtschaftsnachrichten, so ist neben dem Energiepreisschock durch den Krieg im Iran und den Herausforderungen durch Chinas Exportsteigerungen das Thema Künstliche Intelligenz allesbestimmend.
Es ist klar, dass diese Technologie massive Auswirkungen auf die Wirtschaft in den nächsten Jahren haben wird. Aber auch heute sind schon Auswirkungen erkennbar. Wohl am stärksten messbar ist derzeit der Effekt an den Börsen. Die Erwartung zukünftiger Erträge dank der neuen Technologie hat vor allem die Bewertungen von US-Technologieunternehmen nach oben gebracht. Seit Ende 2024 stieg der US-Aktienmarkt um 27 Prozent. 19 Prozentpunkte davon sind nur Unternehmen der Tech-Branche zuzurechnen. Und Investitionen in Künstliche Intelligenz waren für die Hälfte des US-amerikanischen Wirtschaftswachstums seit 2024 verantwortlich. Die andere Hälfte kam vom Konsum, der wiederum selbst im Wesentlichen durch Vermögensgewinne der Aktienbesitzer befeuert wurde, nicht durch Reallohnsteigerungen. Besonders zu Jahresbeginn 2026 waren die Investitionen in KI fast ausschließlich verantwortlich für das Wachstum der USA.
Das dadurch ausgelöste Wachstum erhöht tendenziell auch die Realzinsen, speziell in den USA. Aber auch die Inflation wird dadurch angeregt. KI kostet Geld, seien es die Investitionen in Datencenter und Infrastruktur, seien es die laufenden Kosten des Betriebs, vor allem Energie. Und dies hat einen Preis, wie die Inflation in den USA in den ersten Monaten 2026 gezeigt hat.
Die Verbraucherpreise ohne Energiekosten lagen in den letzten sechs Monaten in den USA 4,1 Prozent über den sechs Monaten davor – und davon waren allein 0,7 Prozentpunkte auf die Preisanstiege für Software und Computerzubehör zurückzuführen. Kurzfristig wirkt der “KI-Boom” also inflationär, speziell in den USA, was sich am Ende auch in höheren Zinsen bemerkbar machen wird. Die Frage ist: Welche Wirkung wird die KI längerfristig auf Zinsen und Inflation haben? Eine Antwort darauf ist schwieriger zu finden als bei den kurzfristigen Effekten. Höhere Produktivität dank KI würde jedenfalls die Realzinsen erhöhen – wie Anfang dieses Jahrtausends, als die IT-Revolution die Arbeitsproduktivität in den USA von 1,5 Prozent in den 90er-Jahren auf rund 2,5 Prozent erhöhte.
Eine höhere Produktivität, wenn sonst alles gleich bleibt, erhöht den Gleichgewichtszinssatz der Wirtschaft, also den Zinssatz, bei dem es keine zu hohe Inflation, aber auch keine zu hohe Arbeitslosigkeit gibt. Sollten allerdings die Produktivitätsgewinne nicht gleich zwischen
Kapital und Arbeit verteilt werden, könnte das dadurch ausgelöste höhere Sparen der Haushalte – denn Haushalte mit höheren Kapitaleinkommen sparen mehr – den Gleichgewichtszinssatz wieder senken.
Auch könnte die höhere Produktivität Arbeitsplätze kosten, was das Angstsparen erhöht und damit wieder die Gleichgewichtszinsen senkt. Ob KI die Zinsen tendenziell erhöht oder nicht, hängt also stark davon ab, wie die Erträge aus der Produktivitätssteigerung gesellschaftlich verteilt werden. Die endgültige Antwort darauf kennen wir noch nicht, und sie hängt auch von der Politik ab. Allerdings wird die Frage nach dem Zinseffekt von KI nicht die schwierigste gesellschaftliche Herausforderung der Künstlichen Intelligenz sein.