“Kompromiss wieder als Stärke zu zeigen wäre sinnvoll”

Drei Fragen – drei Antworten: Gerhard Fehr erklärt, wieso der Graben zwischen den Geschlechtern größer wird und was man dagegen tun könnte.
Wahlanalysen zeigen: Frauen wählen eher links, Männer eher rechts. Woher kommt dieser Graben zwischen den Geschlechtern?
Der Graben ist neu. Bis in die 1990er-Jahre standen Frauen eher rechts der Männer. Seither stehen sie in den meisten westlichen Ländern links von ihnen – das zeigen Befragungen von mehr als 2,5 Millionen Menschen in 36 Ländern. Und er hat weniger mit Programmen zu tun als mit Identität. Wer seinen sozialen Status bedroht sieht, wählt eher rechtspopulistisch – das zeigt sich besonders bei Männern. Für viele Frauen dagegen ist die Gleichstellung noch nicht am Ziel. Wirtschaftliche Unsicherheit allein erklärt wenig, entscheidend ist, wie sie mit Identität und kultureller Abwehr zusammenkommt. Aber es geht nicht nur um links oder rechts – es geht um die Frage, wer zu uns gehört.
Wie verfestigt sich diese Spaltung – und was bringt Frauen und Männer wieder auf eine gemeinsame Linie?
Sie verfestigt sich im Gespräch unter Gleichgesinnten. In Experimenten tauschen Menschen ihre Einschätzungen mit jemandem aus, der ähnlich liegt – und die Verzerrung wird nicht kleiner, sondern größer. Soziale Medien spielen mit: Wer Facebook vier Wochen abschaltet, ist danach messbar weniger polarisiert. Am Algorithmus allein liegt es aber nicht. Ein Feed ohne Algorithmus, einfach nach Zeit sortiert, änderte die Polarisierung nicht. Eine gemeinsame Linie entsteht deshalb nicht durch bessere Argumente. Ein Feldexperiment mit Cricket-Teams in Indien zeigt, was hilft: Wer im gemischten Team spielt, schließt Freundschaften über Kastengrenzen hinweg und bevorzugt die eigene Gruppe weniger. Wer nur gegeneinander spielt, geht sich eher aus dem Weg. Wer zusammen etwas schafft, hört einander wieder zu.
Ist der Kompromiss aus der Mode? Was macht das mit unserer Gesellschaft – und ändert sich das wieder?
Der Kompromiss ist nicht aus der Mode, aber er hat einen schlechten Ruf bekommen: Wer nachgibt, gilt schnell als schwach. Dabei lebt jede Gesellschaft von Menschen, die zusammenarbeiten, obwohl sie anders denken. Experimente zeigen, dass Kooperation stabil bleibt, wenn sich alle auf gemeinsame Regeln verlassen können – und wer sie bricht, mit Folgen rechnen muss. Und genau diese Regeln geraten unter Druck, wenn jede Seite die andere für das Problem hält. Ändert sich das wieder? Ja, aber nicht von selbst. Polarisierung folgt Anreizen, und die kann man ändern. Solange sich Empörung mehr lohnt als Einigung, nimmt sie zu. Sinnvoller wäre es, den Kompromiss wieder als Stärke zu zeigen – und ihn zu belohnen.