Harry rechnet mit Boulevardpresse ab

Erstmals seit mehr als 130 Jahren steht ein Royal in einem Kreuzverhör vor Gericht.
London Die Boulevardpresse zerstöre seine Beziehungen, sie säe Misstrauen gegen Familie und Freunde, wettert Prinz Harry. Ja, sie habe sogar Blut an den Händen. Bei einer historischen Zeugenaussage hat der Sohn von König Charles III. die britische „tabloid press“ scharf kritisiert und den Reportern vorgeworfen, mit illegalen Methoden intime Geschichten ergattert zu haben, die sie dann aufgebauscht hätten. Selbst jetzt würde der Boulevard noch versuchen, seine Ehe mit Herzogin Meghan zu zerreißen, klagte Harry am Dienstag. Gemeinsam mit anderen Prominenten wirft der 38-Jährige dem Verlag Mirror Group Newspapers (MGN) vor, ihn abgehört zu haben. Alle Bereiche seines Lebens seien betroffen, sagte er unter Eid in London.
„Paranoid“
Als erster Royal seit mehr als 130 Jahren stellte sich Harry einem Kreuzverhör. „Unheimlich sensible und private Informationen“ seien seit seiner Kindheit ans Licht gekommen, auch weil Reporter der MGN-Blätter „Daily Mirror“, „Sunday Mirror“ und „People“ seine Voicemail gehackt hätten. Insgesamt 33 Artikel der MGN-Blätter nimmt der High Court unter die Lupe. Der erste stammt vom 16. September 1996. „Diana so traurig an Harrys großem Tag“, überschrieb der „Mirror“ einen Bericht, laut dem Mutter Prinzessin Diana nur wenig Zeit mit ihrem Sohn an dessen zwölften Geburtstag verbracht haben soll.
Klage gegen drei Verlage
Für Harry gehören seine Aussage und die Klagen gegen insgesamt drei Verlage von Boulevardmedien – in den anderen beiden Fällen steht ein Prozess noch aus – zu seinem erklärten Lebensziel, die Presselandschaft zu reformieren. Er wirft der „tabloid press“ seit Langem vor, schuld am Unfalltod seiner Mutter Diana 1997 zu sein.
Geklärt werden soll auch, wie sehr die Führungsebene des Verlags in illegale Praktiken verwickelt war. MGN weist die Vorwürfe zurück. Der Prozess hatte am 10. Mai begonnen und soll Ende Juni abgeschlossen sein. Ein Urteil wird erst im Laufe des Jahres erwartet. Erhalten Harry und die anderen Kläger Recht, dürfte ihnen das Gericht Schadenersatz zusprechen.
Im nachtblauen Anzug nimmt Harry am Dienstag im Zeugenstand Platz. Freundlich und höflich, aber knapp antwortet der 38-Jährige auf die Fragen von MGN-Anwalt Andrew Green. Während der Jurist, von einem Mandanten als „Bestie vor Gericht“ gelobt, nach konkreten Beweisen für illegale Informationsbeschaffung fragt, antwortet Harry allgemein. Anfangs etwas nervös wirkend, gewinnt er nach und nach an Sicherheit.
Inhaltlich wird der Kläger deutlich. „Sie waren verletzend, gemein und grausam“, sagt er über die Reporter und ihre angeblichen Recherchemethoden. Im Gegenzug hält Green ihm vor, dass bestimmte Informationen schon vor der Veröffentlichung in anderen Blättern zu lesen waren. Harrys Antwort: Die Medien, in heftiger Konkurrenz verbunden, hätten mit dem Abhören versucht, Geschichten weiterzudrehen oder noch skandalträchtigere Details zu ergattern.
Kritik an Regierung
Pünktlich zu der Befragung veröffentlichte das Gericht Harrys schriftliche Zeugenaussage. Von „50 Seiten voller Wut, Groll und Kindheitstraumata“ sprach Sky News. Darin bekommt auch die britische Regierung ihr Fett weg. Sie befinde sich am „Tiefpunkt“, schreibt Harry. Als letzter Royal stand 1891 der spätere König Edward VII. als Zeuge im Kreuzverhör, es ging um Betrug beim Kartenspiel.

