Petra Stemer ist eine von nur sechs Montafoner Stickerinnen: “Es ist meine Sucht und meine Leidenschaft”

Petra Stemer aus Schruns macht mit ihrer Stickerei aus der Montafoner Tracht ein Unikat.
Schruns In ihrer Stube oberhalb von Schruns veredelt und restauriert Petra Stemer seit über 20 Jahren Trachten. Mit reiner Handarbeit bestickt sie mehrere Teile der Montafoner Festtagstracht mit Seidengarn. “Das Sticken ist für mich Sucht und Leidenschaft zugleich”, gesteht die Schrunserin. Fast jeden Tag widmet sie sich ihrer Arbeit und kommt so auf 320 Arbeitstage im Jahr. „Selbst wenn ich mir vornehme, am Wochenende zu pausieren, greife ich zur Stickerei“, gibt sie zu. Da die filigrane Handarbeit viel Licht erfordert, sitzt die 57-Jährige im Sommer am Nachmittag und im Winter am Vormittag an ihrem Tisch und stickt. An die vergangenen Wochen denkt sie jedoch ungern zurück. “Ich hatte eine sechswöchige Zwangspause, da ich auf das Seidengarn warten musste.”

Ist genügend Garn verfügbar, dienen ihr heimische Blüten und Blumen sowie mit Goldfäden umwickelte Schlingen als Motive. Die aufeinander abgestimmten Stickereien finden sich auf den Schürzenbändern, dem Kragen, den Ärmeln der Jacke (Glöggletschopa), den Zopfbändern und dem Brusttuch wieder. Alleine an den Stickereien auf den Schürzenbändern, dem Brusttuch und dem Kragen arbeitet die Stickerin zwischen 400 und 500 Stunden. “Mein Auftragsbuch ist voll, derzeit beträgt die Wartezeit fünf bis sechs Jahre”, erklärt Petra Stemer, die eine von nur sechs Trachtenstickerinnen im Montafon ist.

Nachwuchssuche
Obwohl kürzlich eine neue Trachtenstickerin dazugekommen ist, bleibt die Nachwuchssituation angespannt, berichtet Petra Stemer. Sie habe bereits viele Frauen in das Handwerk eingeführt, doch “ich wünsche mir jemanden, der das Handwerk fortführt und nicht nur für sich selbst stickt“, betont die Kunsthandwerkerin. Um genau diesen Nachwuchs zu finden, ist ein Trachtenstickkurs geplant. “Er steckt noch in den Anfängen, es wird zwei Kursleiterinnen geben und ist für bis zu zehn Teilnehmende gedacht”, verrät Ulrike Bitschnau, Obfrau des Landestrachtenverbandes Vorarlberg”.

Petra Stemer selbst kam durch den Musikverein zur Montafoner Tracht. „Ich habe mir daraufhin auch ein Stück Montafoner Kulturgut anfertigen lassen“, erinnert sich die Landwirtin. Im Jahr 2001 absolvierte die zweifache Mutter, die beruflich für ihre Kinder kürzertrat, aber dennoch „etwas machen wollte“, den Lehrgang für historische Trachten. Seitdem hat sie das Sticken nicht mehr losgelassen.
Jede Tracht ein Einzelstück
Jede Frau, die ihre Tracht bei Petra Stemer besticken lässt, bekommt eine mehrstündige Beratung. Dabei geht die Stickerin auf den Farb- und Figurtyp sowie die Körpergröße der Kundin ein. “Zwar habe ich einen Katalog mit Mustervorlagen, aber ich zeichne das Muster für jede Kundin neu. Mir ist wichtig, dass jede ein Unikat hat”, unterstreicht Stemer, während sie das in Säcken angelieferte Seidengarn sorgfältig aufwickelt.



Wenn Petra Stemer nicht stickt, kümmert sie sich um ihren auf 1007 Metern Seehöhe gelegenen Hof. Die Landwirtin, die auch im Kleintierzuchtverein dabei ist, züchtet Altsteirer-Hühner und Pommern-Enten. Ziegen und Original-Braunvieh finden auf dem Hof ebenfalls ein Zuhause. Die Katzen, die es sich gerne in den Stühlen vor dem Haus bequem machen, durchpflügen zum Leidwesen der Bäuerin beim Spielen auch gerne ihren Gemüse- und Blumengarten. Überdies engagiert sie sich beim Bäuerinnenbuffet des Vereins bewusstmontafon, wo sie eigens Brot backt und dieses mit regionalen Produkten belegt. Sie genießt es, damit unter anderem Hochzeitsgäste bei einer Agape zu bewirten.



Am 15. September wird Petra Stemer auch am ersten Tag des Kunsthandwerks im Vorarlberg Museum teilnehmen. Dabei zeigen zwölf Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerker, wie viel Handarbeit in der Herstellung von Trachtenteilen und Kopfbedeckungen steckt. Für Petra Stemer bietet dieser Tag auch die Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen: „Ich suche jemanden, der klöppelt“, sagt sie lächelnd. Für die Schrunserin bedeutet Tracht Tradition und Heimat. „Sie hat einen hohen Stellenwert und repräsentiert das Tal.“




Zur Person
PETRA STEMER
WOHNORT Schruns
GEBOREN 27.2.1967
AUSBILDUNG Einzelhandel, Lehrgang für historische Trachten
HOBBY Kleintierzuchtverein, Verein “bewusstmontafon”
FAMILIE verheiratet, 1 Sohn, 1 Tochter
LEBENSMOTTO Es geht alles, wenn man will