Buchstabiere mir das!

Kultur / 13.02.2026 • 12:28 Uhr
Buchstabiere mir das!

VN-Kommentar von Walter Fink.

Vor einigen Tagen habe ich einen alten Bekannten aus Deutschland angerufen, um ihn um einen Gefallen zu bitten. Er sollte mir etwas an meine Heimatadresse schicken. Ich gab ihm meine Stadt an, Bregenz. „Bitte buchstabiere mir“, bat er, ich folgte: „B wie Berta, R wie Richard, E wie Emil, G wie Gustav, E wie Emil, N wie Nordpol und Z wie Zürich.“ Längere Pause. „Was redest du denn da?“, fragte er mich. Ich wusste nicht, was er meinte, hatte alles im wahren Sinn des Wortes buchstabengetreu angegeben. „Was ist denn das für eine Buchstabiererei?“, sagte er, „du meinst doch Bregenz am Bodensee, das kenne ich ja.“ „Ja, das meine ich.“ Er darauf: „Soll ich dir mal sagen, wie man das buchstabiert“, fragte der kluge Deutsche. „So geht das: B wie Berlin, R wie Rostock, E wie Essen, G wie Goslar, E wie Essen, N wie Nürnberg und Z wie Zwickau. So wird buchstabiert.“

Ich war, ehrlich gesagt, verwirrt, hatte ich doch so eine Art der Buchstabiertafel – so nennt man das Ding nämlich im offiziellen Sprachgebrauch – noch nie gehört. Ich sei nicht auf dem neuesten Stand, rügte mich mein Bekannter, oder ob man vielleicht in Österreich überhaupt noch hinter dem Berg sei, wie manche das meinten? Zugegeben, ich war etwas eingeschnappt und ging der Sache nach. So kam auch die Erkenntnis. Denn seit dem Mai 2022 gelten in deutschsprachigen Ländern unterschiedliche Buchstabiertafeln. Während man in Deutschland ab diesem Zeitpunkt ausschließlich deutsche Städtenamen verwendet, halten sich Österreich und weitgehend auch die Schweiz an die alten Regeln. Dabei treten in Deutschland interessante Namen auf, zum Beispiel für I nennt man Ingelheim, für Q dann Quickborn, für S Salzwedel oder für U wird Unna angegeben. Städte, deren Namen ich noch nie gehört hatte. Ich ging dem nach: Ingelheim ist eine Stadt am Rhein in Rheinland-Pfalz, Quickborn liegt im Kreis Pinneberg (habe ich übrigens auch noch nie gehört) in Schleswig-Holstein, Salzwedel ist eine Hansestadt in Sachsen-Anhalt und schließlich liegt Unna im Ruhrgebiet in Nordrhein-Westfalen. Das hätte man zu Zeiten wissen sollen, als man noch „Stadt, Land …“ gespielt hat, denn was fiel einem damals schon zu Q ein? Schließlich gibt es noch einen Unterscheid bei den Umlauten: Für Ö steht zum Beispiel in Deutschland „Umlaut Offenbach“, in Österreich hingegen „Österreich“ und in der Schweiz „Örlikon“.

Nun war ich zwar etwas klüger, dennoch aber ziemlich verwirrt. Denn bei der Suche nach der richtigen Buchstabiertafel zeigten sich nicht nur die Länderunterschiede des deutschsprachigen Raums, es gab auch noch den Hinweis auf die von der ICAO (International Civil Aviation Organization, deutsch: Internationale Zivilluftfahrtorganisation) verwendete Tafel. Und da ist wieder alles ganz anders. Für B steht da zu Beispiel Bravo, für F Foxtrot, für P Papa oder für W steht Whiskey. Wenn ich meinen Vornamen buchstabieren will, muss ich also für die einzelnen Buchstaben sagen: Whiskey, Alfa, Lima, Tango, Echo und Romeo. Klingt schön, aber wahrscheinlich versteht mich niemand. Und ich versteh’s eigentlich auch nicht mehr wirklich.