Diese Säge hält ein Stück Vorarlberg am Leben, das kurz vor dem Verschwinden steht

Die Erhaltung der „Mülli-Ferdi“ aus dem Jahr 1790 ist teuer – warum Hubert Loretz sie trotzdem weiterführt.
Tschagguns „Willst du noch ein ‚Schnäpsle‘, bevor du gehst?“, fragt Hubert Loretz am Vormittag nach dem Interview. Eine freundliche Einladung wie diese sowie seine Latzhose und sein Filzhut spiegeln seine gemütliche Montafoner Art wider. Mit Fachwissen und interessanten Geschichten von früher ist der 86-Jährige selbst mindestens genauso interessant wie die denkmalgeschützte „Mülli-Ferdi“, die er mit seinem Sohn betreibt: das einzige historische Sägewerk in Vorarlberg, das mit Wasserkraft arbeitet und noch genutzt wird.
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Traditionsreiche Geschichte
Die alte Säge wurde im Jahr 1790 in Latschau errichtet, wobei es zu Beginn auch – wie der Name schon vermuten lässt – eine Getreidemühle gab, die später eingestellt wurde. Seit 1849 ist sie in Familienbesitz. „Mein Vater Ferdinand war sogar im Alter von 97 Jahren noch auf der Säge, auch wenn er zu dem Zeitpunkt nicht mehr so viel tun konnte“, erzählt Loretz, der heute in Tschagguns wohnt.


Natürlich sind mit der Zeit immer wieder Erneuerungen fällig gewesen: Das heutige Sägewerk entspricht dem technischen Stand von 1907 und die Wasserräder wurden alle paar Jahrzehnte ausgewechselt.

Es wirkt beeindruckend, als Loretz das über vier Meter große Wasserrad in Bewegung setzen lässt und mit der Kraft des Rasafeibachs eine Etage höher die Säge beginnt, einen mächtigen Stamm zu zerteilen. „Bis man da einen Stamm fertig geschnitten hat, hat man in einem modernen Sägewerk einen ganzen Anhänger voll geschnitten“, kommentiert der Pensionist, der über 30 Jahre bei einem Wasserkraftwerk der Illwerke vkw arbeitete. Neben dem Sägegatter gibt es auch eine Kreissäge, mit der man zum Beispiel die abgerundeten Enden rechtwinklig zuschneiden kann.

Während früher der Winter die Hauptsaison der Säge war, startet Loretz heutzutage im Mai. Geschnitten wird allerdings nur noch für den Privatbedarf, zu Schauzwecken bei den wöchentlichen Führungen sowie für Bekannte. „Wenn ich für einen Freund etwas schneide, hilft er mir im Gegenzug bei Reparaturen. Von Bekannten einer Alpe bekomme ich dafür Käse und Butter.“

Mit Herzblut
Loretz und sein Sohn bieten von Mai bis Oktober jeden Freitagnachmittag Führungen an. Rund 1500 Interessierte hätten im Jahr 2025 die Säge besucht. Die Gäste reichten dabei von Kindergartengruppen und Einzelpersonen bis hin zu Seniorenvereinen. Die Besichtigungen sind kostenlos, obwohl die Erhaltung der Säge mit hohen Kosten verbunden ist. „Erst im Herbst mussten wir ein paar Mauern und die Wasserzuleitung erneuern, das war teuer. Jedes Jahr müssen wir mehrere Tausend Euro investieren“, schildert er. Eine Spendenbox steht bereit, doch das Trinkgeld reicht eher nur, um „ab und zu ein Bier trinken zu gehen“.

Wenige Schritte von der Säge entfernt betreibt Loretz außerdem eine Eichhörnchenstation, die auch viele Vögel anzieht. Neben Geldspenden sind daher genauso Sonnenblumenkerne und Nüsse willkommen, da dafür ebenfalls laufende Kosten anfallen. Warum er so viel Geld in die Säge und alles drum herum investiert? „Weil ich mit Herzblut an allem hier hänge.“
Wer Loretz und die Säge in Aktion sehen und unterstützen möchte, kann von Mai bis Oktober jeden Freitag von 13.30 bis 16 Uhr zur alten Mühle (Gafazutweg 2, 6774 Tschagguns) zu einer Besichtigung kommen. Gruppen werden um Voranmeldung unter 05556/74611 oder 0664/73878184 gebeten.