„Dieselmotoren werden sauberer, aber teurer“

Motor / 17.03.2017 • 14:42 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Emotionalere Modelle: VW zeigt in Genf die Studie I.D. Buzz, die einen Ausblick auf einen neuen Bully gibt.
Emotionalere Modelle: VW zeigt in Genf die Studie I.D. Buzz, die einen Ausblick auf einen neuen Bully gibt.

Herbert Diess (59) bringt VW auf Schiene. „Verbrennungsmotor bleibt dominierend.“

genf. Turbulente Zeiten in Wolfsburg. Der Dieselskandal hat Europas größtem Autobauer kräftig zugesetzt. Alleine der direkte finanzielle Schaden wird mit 22,5 Milliarden Euro beziffert. Neben der Krisenbewältigung stellt VW derzeit die Weichen für die Zukunft. Wie diese ausschauen könnte, skizziert VW-Markenvorstand Herbert Diess (59) im ausführlichen Gespräch mit den VN.

Zukunft des Dieselmotors. Selbstzünder sind in Österreich unverändert beliebt. Im Vorjahr lag der Dieselanteil an neu zugelassenen Pkw bei über 57 Prozent. Wegen hohem Schadstoffausstoß sind die Motoren allerdings in Verruf geraten. In einzelnen europäischen Großstädten ist selbst ein Fahrverbot für Dieselfahrzeuge im Gespräch. Dennoch glaubt man bei VW an die Zukunft des Dieselmotors. Man könne ihn sauberer machen, sagt VW-Chef Diess und spricht dabei vom Niveau eines Benziners. Allerdings hätten die erforderlichen Maßnahmen zur Folge, dass die Motoren teurer würden. Damit werden sie in kleineren Fahrzeugsegmenten durch Benziner ersetzt, ist der VW-Manager überzeugt. Für viele, speziell größere Fahrzeuge werde er die erste Wahl bleiben. Kunden würden die niedrigen Verbräuche und das hohe Drehmoment sehr schätzen.

Die Rolle von Verbrennungsmotoren. Volkswagen will bis 2025 die Nummer eins beim Bau von Elektroautos sein. Gleichzeitig wird weiter stark in Verbrennungsmotoren investiert. „Sie werden im Konzern weiter die dominante Rolle spielen“, sagt Diess und streicht auch die Bedeutung der nächsten Golf-Generation hervor. Diese werde für die Marke schon wegen des großen Volumens wichtiger sein wie eine zukünftige elektrische I.D.-Familie.

Elektroplattform. VW hat mit dem e-Golf und dem e-up! schon jetzt zwei Elektromodelle im Angebot. Sie basieren auf den identen Plattformen der jeweiligen konventionell angetriebenen Varianten. Das wird sich ändern. „Solange man versucht, aus der Verbrennungsmotorenplattform seine Elektrofahrzeuge abzuleiten, wird man nicht mit Tesla in den Wettbewerb treten können“, gibt Diess eine neue Richtung vor. Wenn man den Verbrennungsmotor aus einer Plattform herausnehme, könnten Prozesse beschleunigt werden. Wenn man das nicht tut, bleibe man langsam und habe gegen die neuen Wettbewerber keine Chance.

Von Tesla lernen. Man müsse Tesla schon ernst nehmen, sagt Diess. Auch wenn ein etablierter Hersteller vieles so niemals gemacht hätte. „Der Speicher der Tesla-Modelle ist ganz gut, das Auto fährt“, ist es dann auch weniger das Auto selbst, dem der VW-Chef Respekt zollt. Vielmehr beeindrucken ihn andere Dinge. „Das Auto ist updatefähig. Es wird mit jedem Release besser. Tesla hat ein weltweites Vertriebsnetz, das mit der Hälfte der Marge auskommt wie unseres. Und es gibt eine weltweite Lade­infrastruktur.“ Die Kunden des Elektropioniers aus Kalifornien würden es unglaublich gut finden, dass sich ihr Auto verändert. Mit den Softwareupdates bekomme man zusätzliche Entwicklungsgeschwindigkeit hinein, lobt Diess und räumt ein, dass diese Möglichkeiten erst noch in die eigenen Prozesse eingearbeitet werden müssen.

Emotionale E-Autos. Die ersten Elektrofahrzeuge waren nicht gerade sexy. Das soll sich grundlegend ändern. Auf eigenen Plattformen für Elektroautos öffnen sich für die Designer ganz neue Möglichkeiten. Bei einigen geplanten Modellen sei es so, dass man ganz bewusst auf die elektrische Welt warte. „Elektrisch können wir sehr viel mehr emotionale Autos machen, wie wir das bisher konnten“, sagt Herbert Diess im Gespräch mit den VN und spricht dabei unter anderem den Bully an. Das einstige Heckmotormodell lasse sich mit einer Frontmotorplattform nicht realisieren. Als E-Fahrzeug könne man hingegen wieder die Ursprungsproportionen herstellen. Eine erste Studie, der I.D. Buzz, wurde bereits gezeigt.

Elektrisches Flaggschiff. Volkswagen hat sein Flaggschiff-Projekt Phaeton auf Eis gelegt. Das Luxusmodell hatte dem Wolfsburger Volumenshersteller zwar zu einem Premiumimage verholfen und sich auf einzelnen Märkten wie China gut verkauft. Was die Stückzahlen weltweit betrifft, war der Erfolg überschaubar. „Wir werden das Segment für VW nicht aufgeben“, kündigt Diess ein Festhalten am Projekt an. Man wolle weiter „auch da oben mitspielen“, aber derzeit habe es keinen Sinn gemacht. Deshalb habe man entschieden, auf die nächste Technologiegeneration zu warten und den Phaeton dann vollelektrisch zu bringen.

Neue SUV-Modelle. Neben Zukunftsthemen investiert Volkswagen auch stark in eine Produktoffensive. So soll alleine die Zahl der SUV-Modelle bis 2020 verdoppelt werden. In Genf zeigen die Wolfsburger aktuell mit dem Tiguan Allspace eine 7-sitzige Variante des Bestsellers. Das ist nur der Anfang. „Das Segment funktioniert weltweit sehr gut“, sagt Diess. Mit dem Tiguan in zwei Längen sei man grundsätzlich gut aufgestellt. Die Nachfrage sei riesig. So seien von dem SUV-Modell 20 Prozent mehr produziert worden, als ursprünglich geplant. Jetzt wird der Ausbau der SUV-Palette vorangetrieben. Für Ende des Jahres hat Volkswagen die Neuauflage des SUV-Flaggschiffs Touareg angekündigt. Nach unten, bei kleineren SUV, habe man ganz offensichtlich Lücken. Audi habe da einen Q2. Davon werde es auch einen VW geben. Und auch in der Polo-Klasse soll es SUV-Modelle mit verschiedenen Derivaten geben. „Unterschiedliche Längen, Coupéform, Pick-up“, zählt Diess auf und spricht von viel Produktmomentum, das jetzt entstehe.

VW-Chef Herbert Diess sprach am Rande des Genfer Automobilsalsons mit den VN über die Weichenstellung bei Volkswagen. Foto: AP, Reuters
VW-Chef Herbert Diess sprach am Rande des Genfer Automobilsalsons mit den VN über die Weichenstellung bei Volkswagen. Foto: AP, Reuters