Eine Graphic Novel erzählt die Geschichte des Fußballs
Wer sich angesichts der soeben angelaufenen Fußball-WM über die Anfänge dieses buchstäblich weltumspannenden Sports informieren möchte, wer sich für die politischen und kommerziellen Interessen, die ihn seit jeher begleitet haben, interessiert, der ist bei dieser Neuerscheinung genau richtig: Jean-Christophe Deveney, Mickaël Correia und Lelio Bonaccorso erzählen “Eine kurze Geschichte des Fußballs” als ebenso unterhaltsamen wie informativen Sachcomic. Infotainment für Fans.
Der auf Fußballgeschichte und Klimaberichterstattung spezialisierte, französische Journalist Mickaël Correia und sein Landsmann, der Szenarist Jean-Christophe Deveney, haben sich mit dem auch für “La Gazzetta dello Sport” arbeitenden italienischen Comiczeichner Lelio Bonaccorso zusammengetan, um so richtig tief zu graben: Sie finden Hinweise auf Urformen des Fußballspiels bereits in der Antike, schildern bunt und blutig die so ausgelassenen wie ausufernden Raufereien mittelalterlicher Dörfer um Bälle und begeben sich für die entscheidenden Schritte hin zum regelbasierten Fußballspiel auf die britische Insel.
Vom anarchischen Volksvergnügen zur globalen Sportindustrie
Vom anarchischen “Folk Football” entwickelt sich das Spiel zum Zeitvertreib der britischen Upperclass, die sich Vereine und Vorschriften einfallen lässt, und wieder zurück zum Volk: Dass die Arbeiterklasse den Fußball als Freizeitvergnügen entdeckt, wird auch von den Fabrikherren nicht ungern gesehen, ja gefördert: Besser die arbeitende Masse spielt, als sie revoltiert! Das Besondere dieser gezeichneten Fußballgeschichte ist, dass alle wesentlichen Entwicklungen, vom Frauenfußball, der in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine selbstbewusste Rolle einnahm, ehe er lange wieder zurückgedrängt wurde, bis zur Entstehung des Profifußballs und der aggressiven Kommerzialisierung stets in Beziehung zu politischen, soziologischen und wirtschaftlichen Entwicklungen gesetzt wird.
Viel über das Wunderteam, wenig über die FIFA-Machenschaften
Dem österreichischen Wunderteam und dem traurigen Ende eines seiner Helden, Matthias Sindelar, nach dem “Anschluss” Österreichs, ist ebenso ein Kapitel gewidmet wie dem Umgang der UdSSR mit aufmüpfigen Spielern. Afrika und Südamerika spielen nicht nur in Episoden rund um Fußballgott Pelé und Diego Maradonas “Hand Gottes” ebenso eine Rolle in diesem vergangenes Jahr in Frankreich erschienenen und nun auf Deutsch übersetzten Buch wie der Einfluss der Ultras von Al Ahly Kairo auf den Arabischen Frühling. Als eine der letzten Entwicklungen hat der Skandal um den spanischen Verbandspräsidenten und sein Verhalten nach dem Finale der Frauen-WM Eingang in das Buch gefunden.
Erstaunlich wenig findet man dagegen zur Rolle der heutigen Milliardenindustrie rund um die wenigen den Klubfußball dominierenden Vereine und jene der FIFA und ihrer Politik bei der fragwürdigen Vergabe und Durchführung der Fußball-Weltmeisterschaften der vergangenen Jahre bis in die Gegenwart. Eine aktualisierte Neuauflage nach der laufenden WM könnte dieses Defizit bereinigen – quasi in der Nachspielzeit.
(S E R V I C E – “Eine kurze Geschichte des Fußballs” von Jean-Christophe Deveney, Mickaël Correia und Lelio Bonaccorso, Übersetzung: Harald Sachse, Splitter Verlag, 144 Seiten, 25,70 Euro)