Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Sprachlos

18.08.2021 • 10:00 Uhr

Selbst unsere medial so abgebrühte Welt erlebt noch Momente namenlosen Schreckens. Die Augen sehen die Bilder, aber sie entziehen sich jeder Einordnung. Schon gibt es einen Namen dafür: die Hölle von Kabul. Geschichtsbilder werden wach. Kabul im August 2021 und Saigon im April 1975 gleichen einander. Nur, dass man beim Fall der vietnamesischen Hauptstadt nicht live dabei war. Heute geht das.

In Echtzeit können wir via Internet zusehen, wie Menschen sich an Flugzeuge klammern. Als schwarze Punkte fallen sie vom Himmel, wenn die Maschine die Startbahn verlassen hat. Begierig stürzt sich das Boulevard auf immer neue Beispiele der islamistischen Lynchjustiz. Das also erwartet die Menschen dort. Afghanen in Europa führen Videotelefonate mit ihren Verwandten. Sie müssen zusehen, wie sich ihre Eltern oder Geschwister, Eheleute oder Kinder verstecken. „Sie kommen“, flüstert eine Frauenstimme, „sie sind schon im Hof.“

Tausende Kilometer entfernt zieht man Lehren, analysiert, sucht nach Schuldigen und versichert der eigenen Bevölkerung eindringlich, dass ein Flüchtlingschaos nicht vor der Haustür steht. Und wer weiß? Mit etwas Glück werden auch bald wieder Abschiebungen möglich sein. Die Augen sehen all das. Aber es entzieht sich jeder Einordnung.