Christian Rainer

Kommentar

Christian Rainer

Fußballer politisch? Selbstverständlich!

07.07.2024 • 09:16 Uhr

Mit etwas Lebenserfahrung, nach einigen Jahrzehnten im Journalismus und immer schon mit Übermut gesegnet, könnte ich über fast alle Themen eine Viertelstunde aus dem Stegreif sprechen. Ganz ohne ChatGPT. Mit zwei Ausnahmen: über alles, was an Musik nach den Beatles kam – und über Fußball. Aber, liebe Leserinnen und Leser, wie soll man nach dieser Woche, nach dem so unglücklich verlorenen Spiel Österreich gegen die Türkei, am Fußball vorbeikommen?

„Wie soll man nach dieser Woche, nach dem so unglücklich verlorenen Spiel Österreich gegen die Türkei, am Fußball vorbeikommen?“

Geht nicht. Muss aber auch nicht sein. Denn die Fußball-EM bekam gerade wegen unserer Nationalmannschaft eine hochpolitische Komponente: zunächst in Österreich, jetzt sogar europaweit. Und da kennen wir uns aus, das passt perfekt zum samstäglichen Politikkommentar der VN.

Politisch konnotiert war die EM schon zu Beginn: Der französische Kapitän Kylian Mbappé warnte bei einer Pressekonferenz angesichts der anstehenden Parlamentswahlen vor dem rechtsradikalen Rassemblement National, nachdem seine Kollegen im Sturm (ich habe recherchiert) Ousman Dembélé und Marcus Thuram sich ebenso geäußert hatten. In Österreich warnte Trainer Ralf Rangnick via „Standard“ und ZiB 2 vor „Rechtsextremen an der Macht“.
Er meinte damit unmissverständlich FPÖ und AfD, indem er „gerade die Geschichte von Österreich und Deutschland als Lehre“ heranzog (was Herbert Kickl in Claudia Stöckls Ö3-Sendung „Frühstück bei mir“ nicht wahrhaben wollte). Und nach dem Türkei-Spiel legte der österreichische Freiburg-Legionär Michael Gregoritsch so nach: „Ich glaube, dass wir uns ganz weit von rechtem Gedankengut entfernen sollten.“ Da hatte dieses Spiel freilich schon eine weit größere politische Dimension erreicht – samt Einberufung von Botschaftern in Berlin und Ankara: Der zweifache türkische Torschütze Merih Demiral hatte auf dem Feld den rechtsradikalen Wolfsgruß gezeigt.

Also: Fußball ist jetzt zweifellos politisch. Aber: Sollte das auch so sein?

Zweifellos. Warum sollte denn ausgerechnet der Sport nicht politisch sein, warum sollten sich Fußballer nicht politisch äußern? Mein hochgeschätzter Kollege Oliver Pink meint in der „Presse“: „weil es die Nationalmannschaft aller Österreicher ist, also auch jener, die rechts stehen“. Das halte ich für ein schwaches Argument: Diese Mannschaft repräsentiert ja nicht die Meinung „aller Österreicher“. Es spielen da bloß zufällig die besten Fußballer mit österreichischer Staatsbürgerschaft. Erst recht nicht würde die geforderte politische Enthaltsamkeit für Einzelsportler wie Skifahrer oder Leichtathleten gelten. Umgekehrt verlangt auch niemand, dass die Wiener Philharmoniker unpolitisch sind. Und nochmals umgekehrt wird über Andreas Gabaliers politische Haltung leidenschaftlich diskutiert, ohne dass ihm ein Recht auf eine Haltung abgesprochen würde.

Somit: Gerade Sportler sollen sich politisch äußern. Sie sind Popstars. Daher werden sie mehr gehört als jeder andere Bürger, jede Bürgerin dieses Landes. „Es bringt nichts“, vermutet Oliver Pink. Ich behaupte das Gegenteil: Ich will mir Österreich, Europa, die Welt nicht ohne jene Eliten vorstellen, die Werte wie Menschenrechte und Menschenwürde, Demokratie und Meinungsfreiheit hochhalten. Auf die politischen und die ökonomischen Eliten verlasse ich mich da nämlich lieber nicht.

Christian Rainer ist Journalist und Medienmanager. Er war 25 Jahre lang Chefredakteur und Herausgeber des Nachrichtenmagazins profil.