“Masern tun dem Immunsystem nicht gut”

24.10.2024 • 13:50 Uhr
ABD0063_20190507 – K…LN – DEUTSCHLAND: ARCHIV – 26.04.2017, Nordrhein-Westfalen, Kšln: ILLUSTRATION – Ein Impfpass liegt auf einem Tisch. Mit dem gefŠhrlichen Masern-Virus infizieren sich in Nordrhein-Westfalen auch viele Erwachsene. Von insgesamt 313 registrierten Masern-Erkrankungen zwischen Januar 2018 und Mitte April 2019 wurden 143 FŠlle bei Personen Ÿber 20 Jahren verzeichnet. Foto: Marius Becker/dpa +++ dpa-Bildfunk […]
Experten empfehlen, den Impfpass auf die Masernimpfung zu checken. dpa

Virologe mit düsterer Prognose zur Verbreitung. Impfangebot wird in Vorarlberg gut angenommen.

Bregenz Österreich ein Masernland? Ein explizites „Ja“ kam Prof. Lukas Weseslindtner nicht über die Lippen, aber eine düstere Prognose: „Tun wir nichts, wird 2024 das neue Normal sein“, warnte der Virologe. Wohl nicht zu Unrecht, denn allein heuer gab es bundesweit bereits 546 Masernfälle. Es sei notwendig, die Impflücken besonders bei Erwachsenen zu schließen, betonte Weseslindtner, der beim aks-Impftag in Bregenz per Zoom referierte. Das hochansteckende Virus mache sich nämlich immer häufiger bei älteren Personen breit, wobei er vor allem die 20- bis 50-Jährigen meinte. Der am Zentrum für Virologie der MedUni Wien tätige Facharzt sprach von einer schrappnellschussartigen Vermehrung in diesen Altersgruppen. Auch in Vorarlberg greifen die Masern um sich. Bis dato sind 23 Fälle dokumentiert. Zum Vergleich: In den Vorjahren gab es maximal drei Fälle pro Jahr, von 2009 bis 2023 lag ihre Zahl bei insgesamt 15.

Sinkende Durchimpfung

Die sinkende Durchimpfungsrate hält mit dem Vorhaben, die Masern auszurotten, nicht Schritt. Mindestens 95 Prozent sollte sie betragen. Tatsächlich rutschte sie in Österreich bis auf 80 Prozent ab. Lediglich die 10- bis 18-Jährigen sind laut einer vom Gesundheitsministerium veranlassten Evaluierung durch zwei Impfdosen ausreichend geschützt. Sogenannte Nachimpfungen waren bis 2022 für über 15-Jährige nur bei öffentlichen Impfstellen kostenlos, inzwischen ist dies auch im niedergelassenen Bereich gegeben. Für Lukas Weseslindtner resultiert daraus der Appell: „Es braucht mehr Aufklärung, um die Älteren zu motivieren, die Masernimpfung gegebenenfalls nachzuholen.“ Dies wird angeraten, wenn keine Maserninfektion durchgemacht oder nur eine Impfung verabreicht wurde. In Vorarlberg ist die Akzeptanz laut Landessanitätsdirektion da. In der Impfordination des Landes in Dornbirn wurden von März bis August 460 Masern-Mumps-Röteln-Nachimpfungen durchgeführt, bei niedergelassenen Ärzten waren es bislang 120 Impfungen von Personen über 15.

Durchgehend aktiv

Masernfälle in Vorarlberg_1024

Für den Virologen sind die Masern ein dringliches Thema geworden. „Der Ausschlag ist ja nur ein sichtbares Symptom“, erläuterte er. Problematischer seien die massiven Auswirkungen einer Infektion auf das gesamte Immunsystem. „Die Immunität fällt nach einer Maserninfektion signifikant und macht anfällig für andere Infektionskrankheiten“, verdeutlichte Lukas Weseslindtner und fasste zusammen: „Masern sind nicht gut fürs Immunsystem.“ Bis 2023 hatte man die Masern zumindest im Griff. Nach der Pandemie ging es mit 186 Infektionen los. Seitdem steigen sie rasant. Damals verzeichnete nur Rumänien mehr Masernfälle. Was Weseslindtner bedenklich stimmt ist auch der Umstand, dass es keine Unterbrechung der Masern-Aktivitäten mehr gibt und „Brandherde“ in allen Bundesländern lodern. Als Ursache nannte er die hohe Importrate von Viren vorwiegend aus Osteuropa. Allerdings haben zwischenzeitlich auch Österreicher zur Verbreitung im Ausland beigetragen, nämlich in Island. Das erinnert an irgendetwas.

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Elmar Troy
Elmar Troy

Wieder Vertrauen schaffen

Elmar Troy, langjähriger Kinderarzt und Impfexperte im VN-Interview.

Hohenems Mehr als drei Jahrzehnte arbeitete Elmar Troy (81) als Kinderarzt in Hohenems und engagierte sich im Rahmen des aks fürs Impfen. Die Kolleginnen und Kollegen, die heute Aufklärungsarbeit leisten müssen, beneidet er nicht.

Sie haben vor 30 Jahren die aks-Impfgespräche begründet. Was war der Anlass?

Troy Wir hatten vorher immer wieder einmal Impfsymposien, aber nicht regelmäßig. Das wollten wir ändern, denn Impfen war schon zu dieser Zeit ein Problemthema. Es gab auch damals Impfgegner bzw. Impfskeptiker, nur nicht in dem Ausmaß, wie sie jetzt die Gesellschaft spalten.

Wie sah es mit der Durchimpfungsrate aus?

Troy Sie lag im Kindesalter bei 95 Prozent. Damit hatte Vorarlberg die österreichweit höchste Durchimpfungsrate. Es kam deshalb kaum zu Impfdurchbrüchen. Ich kann mich nur an einen Fall erinnern, bei dem eine ganze Familie an Masern erkrankt war. Das Virus hatte sie sich bei einem Besuch in Deutschland eingefangen.

Inzwischen nehmen die Masernfälle jedoch gravierend zu…

Troy Das liegt an der sinkenden Durchimpfungsrate. Die Herdenimmunität scheint nicht mehr im nötigen Ausmaß gegeben zu sein.

Haben Sie das Gefühl, die Impfgegner sind seit Corona mehr geworden?

Troy Die Situation hat sich meines Erachtens verschärft auch, weil das Thema politisch vereinnahmt wurde. Ich beneide die Ärzte, die heute Aufklärungsarbeit leisten müssen, jedenfalls nicht.

War es zu Ihrer Zeit einfacher?

Troy Die Überzeugungsarbeit hielt sich in Grenzen. Es kamen zwar ab und an Impfgegner aus der Schweiz und der Steiermark ins Land, um hier Vorträge zu halten. Mit denen haben wir uns auseinandergesetzt. Die Anfeindungen waren überschaubar.

War es nicht auch die schnelle Produktion von Corona-Impfstoffen, die viele misstrauisch machte?

Troy Das hat die Skepsis sicher geschürt, zumal es keine Erfahrungen mit den Impfstoffen gab. Letztlich kann aber gesagt werden, sie haben gewirkt.

Was braucht es, um das Impfen wieder aus der Kritik zu bringen?

Troy Es braucht Vertrauen in die Wissenschaft. Es ist auch Aufgabe der Ärzte, dieses Vertrauen aufzubauen. Das Impfen ist insgesamt eine Erfolgsgeschichte. Kein medizinisches Instrument hat mehr geholfen, als das Impfen.