Tiefe Risse im Glashaus

Forderndes, aber famoses „Ferienhaus“ feierte im Burgtheater Premiere.
Wien Im Glashaus sollte man nicht mit Steinen werfen, im Ferienhaus nicht mit Worten, will man das fragile Konstrukt Familie nicht zum Einsturz bringen. Zu diesem Schluss gelangt man nach dreieinhalb fordernden, aber lohnenden Stunden von Simon Stones Ibsen-Destillat “Das Ferienhaus”, das am Donnerstag im Wiener Burgtheater in prominenter Besetzung Premiere feierte.
Wie schon in “Hotel Strindberg” blickt das Publikum voyeuristisch in ein gläsernes Haus. Der riesige, sich drehende Bungalow von Lizzie Clachan wird zum Schauplatz einer über sechs Jahrzehnte reichenden Familientragödie. Stone strukturiert den Abend entlang von Dantes Göttlicher Komödie: vom trügerischen „Paradies“ über das „Fegefeuer“ bis hin zum unausweichlichen „Inferno“, das am Ende buchstäblich in Flammen aufgeht.
Im Zentrum steht Michael Maertens als Architekt Carl Albrich, der 1964 das Ferienhaus errichtet und damit den Ort, an dem sich über Generationen sichtbare und verschüttete Tragödien ablagern. Chronologisch erzählt wird diese Geschichte nicht: Jahreszahlen und zeittypische Kostüme helfen bei der Orientierung, ebenso wie das Wissen, dass Stone Motive aus verschiedenen Ibsen-Stücken frei miteinander verschränkt und sie in eine heutige, politisch aufgeladene Sprache überführt.
Zehn Figuren bevölkern dieses Haus, Rollen und Generationen überlagern sich. Besonders eindrücklich sind Birgit Minichmayr als gebrochene Caroline, Caroline Peters und Franziska Hackl als liebendes Paar, dessen Tochter nicht vor Missbrauch geschützt werden konnte, sowie Thiemo Strutzenberger in einer erschütternden Szene eines an Aids sterbenden Sohnes.
Nach und nach wird offenbar, welches dunkle Zentrum all diese Biografien verbindet: die sexuellen Übergriffe des Patriarchen Carl. Jede Generation trägt die Spuren dieses Schweigens. Wenn schließlich das Haus verbrennt, ist klar, dass sich diese Risse nicht mehr kitten lassen. Das Publikum dankte mit lang anhaltenden Standing Ovations.