Hoffnung nur durch Kunst

02.01.2026 • 12:12 Uhr
Hoffnung nur durch Kunst

VN-Kommentar von Walter Fink.

Die Zeit ist nicht geeignet, Hoffnung oder gar Friedensideen in das Neue Jahr zu tragen. Und dennoch sollten, müssen wir das tun, denn sonst können wir nicht überleben. Geeignet für solche Gedanken ist natürlich die Kunst, fast nur die Kunst. Denken wir etwa an das großartige Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker unter Yannick Nézet-Séguin vom vergangenen Donnerstag. Eine musikalische Friedensbotschaft weit in die Welt, eine Botschaft, wie sie Worte kaum vermitteln können.

Das Neujahrskonzert ist ein jährliches Zeichen aus Österreich, dass Musik Verbindungen schafft. Ein Werk, das ebenfalls in Wien komponiert wurde, steht ganz besonders im Zeichen der Friedensbotschaft. Vor gut hundert Jahren, im Winter 1823/24, vollendete Ludwig van Beethoven in der Ungargasse 5 seine 9. Symphonie, die im Schlusssatz – ungewöhnlich für eine Symphonie – durch Chor und Solisten Teile von Friedrich Schillers Ode „An die Freude“ einbindet. Dieser Teil der Symphonie mit Schillers Text wurde nicht zufällig als Europahymne gewählt, ist doch „An die Freude“ selbst in einer Zeit, die wir als fast hoffnungslos erleben, geeignet, wieder an etwas zu glauben.

Allein der Anfang „Freude, schöner Götterfunken, / Tochter aus Elysium, / Wir betreten feuertrunken / Himmlische, dein Heiligtum“ versetzt in Hochstimmung. Das Elysium war in der griechischen Mythologie das „Gefilde der Seligen“, vergleichbar also durchaus unserem Paradies. Als Schiller die ersten Zeilen dieses Gedichts schrieb, hatte er eine düstere, schwierige Zeit hinter sich. Er hatte zwar mit „Die Räuber“ 1782 einen überraschenden, überwältigenden Erfolg errungen, als Theaterdichter in Mannheim wurde sein Vertrag aber nicht verlängert, er verfiel auch gesundheitlich. Aus diesem Tief holte ihn 1785 eine Einladung von Christian Gottfried Körner, dem Vater des späteren Dichters Theodor Körner, nach Leipzig. Nach kurzem Aufenthalt beginnt er das Gedicht „An die Freude“ – durchaus aufgrund persönlicher Erfahrung. Er schreibt: „Der Himmel hat uns seltsam einander zugeführt, aber in unserer Freundschaft soll er ein Wunder getan haben.“ Schiller fühlte sich im Elysium.

Leicht abweichend vom Original heißt es im Text zur 9. Symphonie weiter: „Deine Zauber binden wieder / Was die Mode streng geteilt / Alle Menschen werden Brüder / Wo dein sanfter Flügel weilt.“ Das ist der zentrale Satz: „Alle Menschen werden Brüder“ – die Grundlage der EU-Hymne, denn es geht darum, viele unterschiedliche Nationen, die in der Vergangenheit viele Kriege gegeneinander führten, nicht nur zu versöhnen, sondern tatsächlich zu verbrüdern. Wie wir wissen, ein schwieriges Unterfangen, ungeachtet dessen eine Notwendigkeit, wenn Europa bestehen soll. Und dann der Schluss, die Quintessenz: „Seid umschlungen, Millionen! / Diesen Kuss der ganzen Welt! / Brüder, über’m Sternenzelt / Muss ein lieber Vater wohnen.“ Ganz allein trauen wir uns offensichtlich nicht zu, die Brüder zu „umschlingen“. Zu solchem Behufe verlässt sich Schiller – und auch die EU – lieber auf eine überirdische Größe. Besser wäre, selbst den Kuss zu geben – der ganzen Welt.