Das Ensemble rettet die Verdi-Oper

08.02.2026 • 11:29 Uhr
FRANCE-US-MUSIC-OPERA-PORTRAIT
Nadine Sierra beeindruckt in der Titelpartie mit leuchtender, tragfähiger Stimme.  AFP PHOTO / GEOFFROY VAN DER HASSELT

Umstrittene Premiere von “Luisa Miller” an der Wiener Staatsoper.

Wien Mit „Luisa Miller” von Giuseppe Verdi ist an der Wiener Staatsoper ein Werk zurückgekehrt, das von Kennern als eine der feinsten und dramatisch dichtesten Partituren Verdis geschätzt wird. Mehr als drei Jahrzehnte nach der letzten Aufführung feierte das im Jahr 1849 uraufgeführte Stück am Samstagabend in einer Neuinszenierung des Regisseurs Philipp Grigorian seine Wiederkehr.

Die auf Schillers „Kabale und Liebe“ basierende Oper bleibt inhaltlich zeitlos verständlich: Zwei Liebende aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten werden von den Machtinteressen, dem Standesdünkel und den Intrigen der älteren Generation in den Abgrund getrieben. Verdi hatte diese Geschichte bereits im 19. Jahrhundert mit bemerkenswert modernen Akzenten versehen.

Grigorian versucht nun, das romantische Musiktheater konsequent in die Gegenwart zu verlagern. So erzählt der Vater die Handlung beispielsweise aus einer Wiener Tramstation heraus, die während des gesamten Abends am Bühnenrand präsent bleibt. Graf Walter und sein Umfeld erscheinen als dekadente Upper-Class-Figuren, während die Familie Miller in einer grellbunten Fabrikwelt arbeitet. Diese optische Überformung steht allerdings in starkem Kontrast zur musikalischen Ebene, die ganz traditionell und werkgetreu ausgeführt wird und gerade dadurch überzeugt.

Denn musikalisch erweist sich der Abend als ausgesprochen stark. Nadine Sierra beeindruckt in der Titelpartie mit leuchtender, tragfähiger Stimme und großer Ausdruckskraft. Auch Freddie De Tommaso als Rodolfo, Roberto Tagliavini als düsterer Graf Walter sowie George Petean als Vater Miller liefern durchweg solide bis eindrucksvolle Leistungen. Chor und Orchester unter der Leitung von Michele Mariotti sorgen für klangliche Wucht und dramatische Verdichtung, unterstützt von tänzerischen Einsätzen des Wiener Staatsballetts.

Inszenatorisch bleibt jedoch vieles umstritten. Das von Grigorian selbst entworfene Bühnenbild gleicht einem überdimensionierten Puppenhaus, während die grellfarbigen Kostüme eher an Pop-Ästhetik oder Spielzeugwelten erinnern. Märchenhafte Ballerinen, visuelle Gags und selbstironische Brechungen unterlaufen zunehmend den tragischen Kern des Werks. Spätestens im dritten Akt gerät die Diskrepanz zwischen dramatischer Musik und ironisierender Optik zur Belastung.

So ist es letztlich dem Ensemble zu verdanken, dass der Abend dennoch gelingt.