Wie viel Piste verträgt der Arlberg? Eine Debatte zwischen Schneehuhn und Schneekanone

Am Madloch werden Felsen versetzt und Pisten verbreitert. Während die Betreiber von notwendiger Sicherheit sprechen, warnt die Naturanwaltschaft vor dauerhaften Naturkerben. Wir zeigen die Veränderungen in einer Grafik.
Darum geht’s:
- Geplante Veränderungen am Madloch für mehr Sicherheit.
- Kritik an landschaftlichem Eingriff und Umweltauswirkungen.
- Investition von 2,9 Millionen Euro in Pistensanierung.
Zürs Am Madloch ist die Aussicht spektakulär – und die Debatte ebenso. Zwischen Madloch-Joch und Zug, auf 4.139 Metern Skiroute, soll das Gelände nun verändert werden. Felsen werden verlagert, Kuppen abgetragen, Abschnitte verbreitert. Für die einen ist es ein notwendiger Schritt in Sachen Sicherheit. Für die anderen ein massiver Eingriff in einen sensiblen Naturraum, dessen Wunden Jahrzehnte sichtbar bleiben.
Erdmaterial wird abgetragen und verlagert
Philipp Zangerl von der Ski Zürs AG breitet auf einer Karte die acht geplanten Maßnahmen aus. “Es handelt sich um einen reinen Massenausgleich”, betont er. Das Material bleibe vor Ort, werde nur versetzt. “Wir graben eine Kuppe ab und bauen das Material im Pistenbereich wieder ein.” Transporte quer durch das Gelände seien nicht vorgesehen.


In der Kompression gibt es die meisten Unfälle
Konkret geht es um neuralgische Punkte: die Querfahrt unter der Madlochplatte, die Einfahrt in die Schussstrecke, den sogenannten Funksäulenhang. Besonders in den Bereichen sieben und acht werde deutlich mehr bewegt. “Dort entschärfen wir die Schussstrecke und verbreitern die Einfahrt”, sagt Zangerl. Ziel sei es, Engstellen zu beseitigen, an denen es immer wieder zu Unfällen komme. Die Kurve bleibe, “die muss man schon noch fahren”, sagt er, “aber mit mehr Platz.”
2,9 Millionen Euro investiert das Unternehmen in die Pistensanierung. Zusätzlich wird die Beschneiung ausgeweitet, bis zu 30 mobile Propellerschneekanonen können künftig eingesetzt werden. Die dafür genehmigten Wassermengen seien bereits bewilligt, erklärt Zangerl. “Wir wollen die Qualität der Abfahrt sichern und die Sicherheit erhöhen.”

Genau hier setzt die Kritik der Vorarlberger Naturanwaltschaft an. Katharina Lins spricht von einer “falschen Abwägung”. Die Argumentation, dass mehr Platz automatisch mehr Sicherheit bringe, greife zu kurz. “Es ist ein schwerwiegender Eingriff in die Natur. Man sieht heute noch die Geländeveränderungen aus den 1980er-Jahren. Auf dieser Höhe heilt so etwas nicht”, sagt sie. Boden bilde sich über Jahrhunderte, Vegetation kehre nur langsam zurück.
Tiere brauchen im Winter einen Rückzugsort
Für Lins steht ein grundsätzliches Problem dahinter: “Die Menschen müssen sich der Landschaft anpassen, nicht umgekehrt.” Statt immer breiterer Pisten könnte man auch darüber nachdenken, die Frequenz zu steuern. “Man hat die Bahnen ausgebaut und bringt mehr Leute in kürzerer Zeit hinauf. Man könnte auch begrenzen, wie viele fahren.” Technisch wäre das einfacher, als die Qualifikation der Skifahrer zu prüfen.
Auch ökologisch sieht sie zusätzliche Belastungen. Schneehühner etwa seien im Winter auf Rückzugsräume angewiesen. “Je mehr Betrieb, je mehr Lärm durch Beschneiung, desto kleiner wird dieser Raum.” Die zeitliche und räumliche Ausdehnung der Beschneiung verstärke die Störung von Flora und Fauna.
Der naturschutzrechtliche Bescheid für die Skiroute 170 liegt vor, Naturschutzorganisationen können noch berufen – allerdings nur in Bezug auf streng geschützte Arten. Fragen des Landschaftsbildes oder der allgemeinen Vegetation spielen in diesem Verfahren nur eingeschränkt eine Rolle.
Für das Skigebiet Lech Zürs ist das Projekt ein weiterer Baustein in einer langen Entwicklung. Neue Lifte, Speicherteiche, Beschneiungsanlagen – das Karussell drehe sich weiter, sagt Lins. Und stellt eine Frage, die über das Madloch hinausgeht: Wie viel technischer Ausbau verträgt ein Sehnsuchtsort, dessen Kapital gerade seine gewachsene Landschaft ist?