Extrem-Pendler Kurt Lid legt 1500 Kilometer zur Arbeit zurück: “Für mich ist das ideal”

Vierzehn Tage arbeitet Kurt Lid (43) auf Bohrinseln vor Norwegen – danach ist er drei Wochen zu Hause bei seiner Familie in Feldkirch. Dazwischen liegen 1500 Kilometer, Flüge quer durch Europa und ein Job unter extremen Bedingungen. Den VN verrät er, warum er sich das antut und weshalb er darin sogar einen Vorteil sieht.
Darum geht’s:
- Kurt Lid pendelt 1500 Kilometer zur Arbeit auf Bohrinseln.
- Vorteile des Pendelns für ihn: mehr Zeit mit der Familie.
- Arbeit auf Plattform unter strengen Sicherheitsvorkehrungen.
Feldkirch Zwei Drittel der Vorarlberger pendeln zur Arbeit. Die meisten fahren in eine andere Gemeinde, manche in einen anderen Bezirk. Rund sieben Prozent pendeln sogar ins Ausland, vor allem in die Schweiz oder nach Liechtenstein. Im Schnitt dauert der Arbeitsweg laut VCÖ 21 Minuten, österreichweit sind es rund 27 Kilometer pro Strecke.
Bei Kurt Lid ist das anders.

Wenn der 43-Jährige zur Arbeit aufbricht, verlässt er nicht nur seinen Wohnort Tosters, sondern das Land. Von Feldkirch führt ihn sein Weg über Buchs zum Flughafen Zürich, weiter über Drehkreuze wie Amsterdam, Bergen, Oslo oder Kopenhagen bis an die norwegische Westküste.
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Von dort geht es mit dem Helikopter hinaus auf eine Bohrinsel in der Nordsee. Vierzehn Tage arbeitet er dort: “Dazu kommen je ein Tag für die An- und Abreise”, erklärt Kurt Lid. Für einen Arbeitsweg legt er rund 1500 Kilometer zurück. Den Arbeitsweg nutzt er zum Lesen oder für Gespräche mit anderen Reisenden: “So vergeht die Zeit schnell.”

Hohe Sicherheitsmaßnahmen
Geboren wurde Kurt Lid im norwegischen Odda am Hardangerfjord. Später lebte er mit seiner Frau Eva, die aus Feldkirch stammt, in Stavanger. Dass die Familie seit einigen Jahren in Vorarlberg lebt, ist vor allem eine Entscheidung für den Alltag. “In Norwegen hatten wir keine Hilfe in der Nähe”, erzählt Lid.

Wenn er wochenlang weg war, blieb der gesamte Alltag an seiner Frau hängen. In Feldkirch ist das anders: Hier wachsen die beiden Söhne (8 und 6) mit Großeltern auf, die in der gleichen Straße wohnen und die junge Familie unterstützen.

Lid ist Elektriker mit Spezialisierung auf Hochspannung. Lange arbeitete er auf der Bohrinsel Åsgard B in der Norwegischen See, rund 200 Kilometer vor der Küste.

Arbeiten auf der Bohrinsel bedeutet lange Tage, die körperlich fordernd sind, und strenge Sicherheitsregeln mit sich bringen. “Man muss immer sehr konzentriert sein, Hektik hat hier keinen Platz”, sagt er. Jeder Handgriff wird geprüft, Fehler können fatale Folgen haben.

Derzeit arbeitet Lid in Haugesund auf einer Werft an einer weitgehend automatisierten Bohranlage. “Wenn diese fertiggestellt ist, arbeiten keine Leute mehr dort.” Die Steuerung erfolge dann von Land aus, nur für Wartungen werden Techniker eingeflogen.
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Die Distanz zu seiner Familie sei manchmal schwierig: “Wenn zu Hause etwas passiert, bist du weg und kannst nicht einfach heim.” Besonders deutlich wurde ihm das, als seine Frau mit dem zweiten Kind schwanger war. Als der Geburtstermin näher rückte, schickte ihn sein Vorgesetzter heim: “Du bist mit dem Kopf nicht hier, fahr nach Hause.” Drei Stunden nach seiner Rückkehr kam das Kind zur Welt.
Leben in einem “Floatel”
Während seiner Einsätze lebt er auf sogenannten Floatels, schwimmenden Hotels neben der Plattform. “Dort sind 500 bis 600 Menschen untergebracht”, erzählt Lid. Kino, Fitnessräume, gutes Essen, ein Arzt und ein durchorganisierter Alltag gehören dazu. “Und es gibt Eiscreme, so viel man will”, sagt er mit einem Augenzwinkern.
Warum er sich den langen Arbeitsweg antut? “Für mich ist das ideal.” Denn wenn er in Feldkirch ist, ist er drei Wochen wirklich da. “Viele kommen um fünf nach Hause, die Kinder gehen um sieben ins Bett.” Er kann seine Kinder abholen, mit ihnen Ski fahren und ihren Alltag miterleben. “Ich habe das Gefühl, dass ich mehr Zeit mit meinen Kindern habe als mit einem normalen Job.”

Mittlerweile fühlt sich Kurt Lid in Feldkirch heimisch. “Die Menschen sind von der Mentalität sehr ähnlich.” Doch in Norwegen laufe vieles längst digital. “Es überrascht mich, wie oft man in Österreich noch nicht mit Karte zahlen kann, sondern nur mit Bargeld.”
Norwegerinnen und Norweger in Vorarlberg können sich bei Kurt Lid unter kurtlid@gmail.com melden – er freut sich über neue Kontakte.
Erdöl und -gas aus Norwegen
Norwegen ist Europas größter Produzent und Exporteur von Erdöl und Erdgas. Das Land ist zwar nicht in der Europäischen Union, exportiert aber nahezu seine gesamte Förderung ins Ausland.
Norwegens Wirtschaft bleibt stark von der Öl- und Gasindustrie geprägt und nimmt damit weiterhin eine Sonderstellung in Europa ein. Zwar gehört das Land nicht mehr zu den Top 10 der Erdölproduzenten, mit rund 2 Millionen Barrel täglich ist die Produktion pro Kopf jedoch außergewöhnlich hoch.
2025 stammte fast ein Drittel aller EU-Gasimporte aus Norwegen – mehr als von jedem anderen Lieferland.
Gleichzeitig ist Norwegen inzwischen wichtigster Gasexporteur in die EU. Trotz der zentralen Rolle fossiler Energien treibt das Land die Dekarbonisierung voran: Fast 97 Prozent der Neuwagen sind Elektroautos, der öffentliche Verkehr in Oslo ist nahezu emissionsfrei und der Strom stammt nahezu vollständig aus Wasser- und Windkraft. Zudem investiert Norwegen in CO₂-Speicherung sowie klimafreundliche Lösungen in Bauwirtschaft und Logistik.
Die norwegischen Öl- und Gasvorkommen werden vorwiegend offshore erschlossen. Allein der Staatskonzern Equinor betreibt über 80 Förderplattformen auf dem norwegischen Kontinentalschelf. (Quelle: WKÖ)