Der Mann, der erforscht, wie wir morgen bezahlen werden

Bernhard Burtscher (39) an der Universität Liechtenstein zu den rechtlichen Fragen hinter unserem Geld. Im VN-Gespräch erklärt der Feldkircher, warum Bargeld wohl nicht verschwinden wird, welche Chancen und Risiken künstliche Intelligenz im Finanzwesen birgt und weshalb der digitale Euro noch Fragen offenlässt.
Vaduz, Röthis Muscheln, Münzen, Banknoten und heute mit dem Smartphone: Wie Menschen bezahlen, hat sich über Jahrtausende verändert. Dass hinter einem scheinbar simplen Kartenzahlungsvorgang heute hochkomplexe rechtliche Fragen stecken, wissen die wenigsten. Einer, der sich genau damit beschäftigt, ist Bernhard Burtscher. Der 39-jährige gebürtige Feldkircher hält am Dienstag (16. Juni) seine Antrittsvorlesung an der Universität Liechtenstein. Darin spricht er über ein Thema, das jeden betrifft: Geld, genauer gesagt: Zahlungsverkehrsrecht.
Von Muschel- zu Buchgeld
Vor etwa 3000 Jahren, erzählt Burtscher, dienten im Pazifik noch Kaurimuscheln als Zahlungsmittel. Später folgten Münzen und Scheine, heute dominiert zunehmend das digitale Bezahlen mit Smartphone und Co. Er erforscht, welche rechtlichen Fragen aus dieser Entwicklung entstehen, und die reichen weit über das hinaus, was viele vermuten.

Warum er sich für die Wissenschaft entschieden hat? Die Antwort kommt ohne Zögern: “Für mich ist Professorsein der schönste Beruf, den man machen kann.” Besonders schätzt er die Freiheit der Forschung und die Möglichkeit, Entwicklungen seiner Schützlinge mitzugestalten. “Im Grunde wird man dafür bezahlt, dass man sich mit Dingen beschäftigt, die einen interessieren.”

Nach der Matura zog es Burtscher nach Wien, wo er Jus, Wirtschaftsrecht und Betriebswirtschaftslehre studierte. Nach Doktorat und Habilitation führte ihn sein Weg zurück in die Heimat, wo er seit Herbst 2024 Inhaber der Professur für Bank- und Finanzmarktrecht an der Universität Liechtenstein ist. Gemeinsam mit seiner Frau Johanna, mit der er seit der Schulzeit liiert ist, und den beiden Kindern lebt er heute wieder in Röthis.
Digitaler Euro lässt Fragen offen
Wer haftet, wenn eine Bankomatkarte gestohlen wird? Was passiert, wenn Online-Banking-Betrüger erfolgreich sind? Wer trägt das Risiko bei manipulierten Überweisungen? Mit solchen Fragen beschäftigt sich der Finanzmarktrechtler. Seine wissenschaftlichen Arbeiten landen dabei nicht nur in Fachbibliotheken: Richter, Anwälte und Banken in Österreich und Liechtenstein greifen darauf zurück. Einmal gelang es ihm sogar, mit seiner wissenschaftlichen Argumentation eine bestehende Rechtsprechung in einem versicherungsrechtlichen Fall rund um Mietverhältnisse zu verändern: “Da habe ich die bisherige Linie kritisiert, woraufhin der Oberste Gerichtshof sie geändert hat”, erzählt er im Gespräch mit den VN.

Besonders spannend findet der Familienvater die rasante Entwicklung im Zahlungsverkehr. Bargeld verliert zwar an Bedeutung, ganz verschwinden werde es seiner Einschätzung nach aber nicht. “In der Schweiz sprachen sich zuletzt 98 Prozent der Befragten dafür aus, am Bargeld festzuhalten”, sagt Burtscher. Die Möglichkeit, anonym zu bezahlen, sei für viele ein wichtiges Gut. Der häufig genannte Kampf gegen Kriminalität ist für ihn kein ausreichendes Argument für die Abschaffung des Bargeldes.

Skeptisch zeigt sich der Professor beim digitalen Euro. Die Idee dahinter: digitales Geld direkt von der Zentralbank statt von Geschäftsbanken. Dieses soll aber auf 3000 Euro begrenzt und nicht verzinst werden. “Damit ist die Frage, für wen das eigentlich noch attraktiv sein soll.”

Längst angekommen ist dagegen die künstliche Intelligenz. Sie hilft Banken dabei, verdächtige Transaktionen oder mögliche Geldwäsche schneller zu erkennen. Gleichzeitig birgt sie Risiken. Etwa dann, wenn Algorithmen darüber entscheiden, wer einen Kredit erhält und zu welchen Konditionen. “Da gibt es ein relativ großes Bewusstsein beim Gesetzgeber, dass man hier sehr sensibel sein muss.” Für den Röthner ist genau das die Faszination seines Fachs: Mit jeder technischen Entwicklung entstehen neue Fragen, die am Ende weit mehr Menschen betreffen, als es der auf den ersten Blick vielleicht sperrig anmutende Begriff “Zahlungsverkehrsrecht” vermuten lässt.
Zur Person
Bernhard Burtscher
Alter 39 Jahre
Wohnort Röthis
Familie Verheiratet mit Johanna, zwei Kinder (1 und 4 Jahre alt)
Beruf Professor für Bank- und Finanzmarktrecht an der Universität Liechtenstein
Ausbildung Matura am BG Rebberggasse Feldkirch, Studium der Rechtswissenschaften, des Wirtschaftsrechts und der Betriebswirtschaftslehre in Wien, Doktorat und Habilitation an der Wirtschaftsuniversität Wien
Forschungsschwerpunkte Zahlungsverkehr, Bankrecht, Versicherungsrecht sowie europäisches und liechtensteinisches Finanzmarktrecht
Freizeit Ist gerne in den Bergen unterwegs – von Skitouren über Klettersteige bis zum Familienwandern.