Kommentar: Die Primitivität des Krieges

Wenn wir täglich mit Kriegsnachrichten konfrontiert werden, stellt sich unweigerlich die Frage, wie diese primitivste Form menschlichen Konfliktverhaltens in einer hoch entwickelten Gesellschaft überhaupt noch möglich ist. Wer steckt da dahinter, wer stiftet an und wer lässt das zu? Weshalb kann die sonst so fortschrittliche und kultivierte Menschheit den Krieg nicht überwinden?
Denn Krieg ist nichts anderes als der Rückfall des Menschen in ein archaisches Konfliktverhalten. Krieg ersetzt Gespräche durch Gewalt, Miteinander durch Unterwerfung, Recht durch die Macht des Stärkeren und Mitmenschlichkeit durch Hass. Im Krieg werden Interessengegensätze nicht durch Vernunft und Verständigung, sondern durch organisierte Gewalt und Vernichtung ausgetragen. Der Gegner soll nicht überzeugt, sondern handlungsunfähig gemacht werden. Im Krieg wird eine der höchst entwickelten menschlichen Eigenschaften, die Empathie, ausgeschaltet, sodass man gewissenlos Wohnblocks bombardieren, alte Menschen vertreiben, Frauen und Kinder töten und unsägliches Leid verursachen kann.
Krieg ist mehr als spontane Aggression, er bedeutet eine radikale Umkehrung der moralischen Ordnung. Was im Frieden Verbrechen und Sünde ist – zerstören, verletzen und töten –, wird nun befohlen und gerechtfertigt, ja sogar ausgezeichnet. Durch die Autorisierung von Gewalt kann oder muss der Einzelne sein Gewissen an die Hierarchie abgeben, sodass sich am Ende niemand persönlich schuldig fühlt.
Zum Wesen des Krieges gehört die Entmenschlichung. Die Gegner werden ihrer Individualität beraubt und zu Unmenschen, Zielobjekten und bloßen Zahlen degradiert. Zudem entwickelt der Krieg eine verhängnisvolle Eigendynamik: Ist die Aggression entfesselt, fallen die Hemmungen. Gewalt erzeugt Gegengewalt, Angst führt zu Aufrüstung, erlittene Verluste verstärken das Vergeltungsbedürfnis. Die Mittel werden immer grausamer, während der ursprüngliche Anlass an Bedeutung verliert. Dass der Krieg auf Seiten sowohl der Anstifter als auch mancher – nicht aller – Kämpfer zum Tummelplatz für schwer gestörte Psychopathen wird, die dort ihre ganzen sadistischen Fantasien ausleben können, tut ein Übriges.
Das Drama des heutigen Krieges liegt darin, dass sich archaische Gewalt mit höchster technischer Intelligenz verbindet, dass die Kriegstreiber über die modernsten Waffen verfügen, aber zugleich auf die primitivste, überwunden geglaubte Verhaltensweise zurückgreifen: auf die Unmenschlichkeit, das „Nicht-mehr-Mensch-Sein“.
Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.