Vom Schulschwänzer zum Sammler akademischer Titel

06.11.2026 • 10:00 Uhr
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Günter Pichler mit seiner Frau Grete. Sie studierte mit ihm Theologie und Philosophie in Innsbruck.

Günter Pichler (85) begann nach seiner Pensionierung wieder zu studieren. Insgesamt erwarb der wissbegierige Mann 16 akademische Titel.

Günter Pichler (85) war kein guter Schüler. Auch in Sachen Disziplin war er kein Musterschüler. “Ich habe die Schule öfters geschwänzt.” Die Matura bestand er mit Ach und Krach. “Ich bin in Mathe und Latein geflogen. Beim Herbsttermin habe ich die Prüfungen dann bestanden.”

Nach der Matura entschied er sich für ein Jus-Studium in Innsbruck. “Ich war ein ewiger Student – aber nicht aus Faulheit, ganz im Gegenteil. Ich wollte immer alles wissen, alles verstehen. Prüfungen legte ich nur ab, wenn ich das Gefühl hatte, vollkommen vorbereitet zu sein. Wenn nicht, zog ich mich lieber zurück.” Insgesamt studierte er zehn Jahre Rechtswissenschaften. Die letzte Prüfung bestand der Dornbirner nur ganz knapp. “Der Vorsitzende der Prüfungskommission riet mir, wallfahrten zu gehen. Das habe ich dann auch gemacht.”

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Günter Pichler in seinem Büro. Die Fotos und Urkunden an den Wänden zeigen Stationen seines akademischen Werdegangs. VN Philipp Steurer

Pichler aber studierte weiter. “Ich habe dann Volkswirtschaft in Wien studiert und das Studium 1976 abgeschlossen.” Der Jurist wollte – zumindest nebenberuflich – an einer Schule unterrichten. “Um die Lehrbefugnisse an berufsbildenden mittleren und höheren Schulen zu erhalten, musste ich zusätzlich das Studium der Volkswirtschaft absolvieren.”

Anfang der 1970er-Jahre betrat er die Bühne des Berufslebens. “Meine erste Anstellung war die eines gut bezahlten Personalleiters bei ‚Zumtobel Leuchten‘ in Dornbirn.” Das Geld konnte er gut gebrauchen. Denn Pichler hatte zu der Zeit schon Familie. Seine spätere Frau Grete hatte er auf dem Sportplatz kennengelernt. “Ich war Hammerwerfer, sie Sprinterin.” 1968 heiratete das Paar. Bald schon kam Sohn Klaus zur Welt. Insgesamt zog das Paar drei Kinder groß.

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Lebensmensch. Mit Grete ist Günter Pichler seit 1968 verheiratet.

Sein erster Arbeitgeber brachte ihn auf eine Geschäftsidee. “Mein Chef wollte, dass ich mich um die türkischen Gastarbeiter kümmere, insbesondere darum, dass sie Lebensmittel aus ihrer Heimat bekommen.” Daraufhin gründete Pichler gemeinsam mit seiner Frau Grete das Lebensmittel- und Importunternehmen Grete Pichler GmbH, das türkische Arbeiter mit Lebensmitteln aus der Türkei versorgte. Der wirtschaftliche Erfolg des Importunternehmens ließ nicht lange auf sich warten.

Aber beruflich schlug Pichler noch einen Weg ein. “Ab 1982 lehrte ich hauptberuflich an den Handelsakademien und Handelsschulen in Lustenau und Feldkirch sowie an der Bundesanstalt für wirtschaftliche Berufe in Rankweil – Rechtslehre, Volkswirtschaft und Staatsbürgerkunde.” “Ich war streng, pünktlich und fordernd – aber fair.”

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Den Talar trug Günter Pichler als Festkleidung bei seinen Sponsionen und Promotionen.

Nach seiner Pensionierung tauchte er erneut in die akademische Welt ein. Sein Umfeld reagierte irritiert, als der damals 62-Jährige erklärte, dass er in Innsbruck Theologie studieren wolle. Trotzdem begann er als “alter Herr” im Jahr 2002 seine zweite akademische Laufbahn. “Ich bin jeden Tag mit dem Zug nach Innsbruck zur Uni gefahren.” Lernen war für ihn kein Muss, sondern ein Vergnügen.

Über die Theologie kam er zur Philosophie. “Es war mir ein inneres Bedürfnis, die großen Fragen des Lebens besser zu verstehen. Ich wollte einfach mehr wissen – über Glauben und Zweifel, über Ethik, Moral und den Sinn menschlichen Lebens und Handelns.” Die letzten 23 Jahre war der wissbegierige Mann nur am Studieren. Bis heute erwarb er insgesamt 16 akademische Titel – in Rechtswissenschaften, Wirtschaft, Theologie und Philosophie. “Ich habe viele Prüfungen gemacht und fast alle mit Auszeichnung bestanden. Gott war auf meiner Seite. Es wurde das gefragt, was ich gut konnte.”

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Ende Oktober feierte Günter Pichler seine Sponsion gemeinsam mit seiner Familie. Pichler hatte sein Philosophiestudium an der Fernuniversität in Hagen abgeschlossen. Auch Enkel Simon (hinten mit Doktorhut) hatte etwas zu feiern: den Abschluss seines Astrophysik-Studiums.

Der 85-Jährige freut sich über seine Titel. “Aber deswegen bin ich nicht überheblich.” Als ihn einmal ein Handwerker fragte, wie er ihn ansprechen solle, antwortete Pichler scherzhaft: “Wenn Sie mir einen günstigen Preis machen, können Sie gerne Günter zu mir sagen.”