Richtungsstreit voll entbrannt
Viel stärker als der Umgang mit Finanzskandalen à la Limburg oder die jüngsten Bischofsbestellungen macht die Seelsorge für wiederverheiratete Geschiedene den Richtungsstreit innerhalb der katholischen Kirche sichtbar. Seit der Papst angekündigt hat, das Thema 2014 einer Bischofssynode anzuvertrauen, gehen beide Lager scharf auf Konfrontationskurs. Das Erzbistum Freiburg preschte Anfang Oktober vor und gab seinen Seelsorgern eine Anleitung mit auf den Weg, die es erlaubt, die zweite Ehe wiederverheirateter Geschiedener nach eingehenden Gesprächen zu segnen und sie wieder zu den Sakramenten zuzulassen. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.
Erzbischof Gerhard Ludwig Müller veröffentlichte „nach Rücksprache mit dem Heiligen Vater“ in der Zeitung des Vatikans am 23. Oktober einen ausführlichen Artikel, der klar erkennen ließ, dass der oberste Glaubenshüter der katholischen Kirche nichts von der Freiburger Lösung hält. Immerhin: Zu einer Verfügung, einem Verbot rang er sich nicht durch. Es war mehr ein Rüffel für verstockte Kinder: Schließlich hatten die oberrheinischen Bischöfe schon 1993 Ähnliches vorgeschlagen und waren abgeblitzt. Nun wird der „L’Osservatore Romano“ diesseits der Alpen nicht allzu oft zurate gezogen. Die Worte des Präfekten der Glaubenskongregation verhallten ungehört. Jetzt hat er kräftig nachgelegt. Er schrieb einen Brief an alle deutschen Bischöfe. Darin warnt Müller vor einer „Verwirrung der Gläubigen hinsichtlich der Lehre der Kirche über die Unauflöslichkeit der Ehe“. Die „Gebetsfeier“, die in der Freiburger Handreichung für wiederverheiratete Geschiedene vorgeschlagen wird, hätten schon Johannes Paul II. und Benedikt XVI. ausdrücklich verboten.
Müller fordert jetzt glasklar: Die Freiburger Handreichung „ist zurückzunehmen“. Da fährt ihm Kardinal Reinhard Marx aus München-Freising ordentlich in die Parade. Die Zeit der Denkverbote sei vorbei, kontert Marx, der ja dem achtköpfigen Kardinalsrat zur Kurienreform angehört. „Wir werden erleben, dass das diskutiert wird in der ganzen Breite“, ist Marx überzeugt, „mit welchem Ergebnis, weiß ich nicht.“ Interessant ist, dass sich beide Kardinäle auf Papst Franziskus berufen …
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