Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Der Wohlstand ermächtigt uns

Politik / 22.11.2013 • 22:39 Uhr

Wie viele Waren das wohl sein mögen? 20.000? Oder 30.000? Vorstellen kann sich das niemand. Die Schranke des Supermarkts öffnet sich wie von Geisterhand, und einen Schritt weiter steht man schon im Garten Eden: Gemüse und Früchte, wohin das Auge schaut. Weiter hinten locken die Spirituosen, und dahinter öffnet sich eine Gasse, deren Abzweigungen beidseits unendlich viel von allem offerieren: Von Aprikosenmarmelade bis Zahncreme, alles da. Und vor allem immer. 365 Tage im Jahr. Ungeachtet jeder Saison. Eine unglaubliche Selbstverständlichkeit liegt über dem üppigen Warenangebot, als müsse das so sein.

Wenn man sich das Gegenteil vorstellt, kriegt man das gar nicht mehr hin. Das Bild wirkt auch wirklich verrückt. Man denke nur: Kein einziger Apfel im Regal, ein paar verschrumpelte Rüben und zwei erschlaffte Salatköpfe sind alles, was die Gemüseabteilung zu bieten hat. Eine Verkäuferin lehnt mit leerem Blick an der Backtheke. Drei Brotlaibe hat sie noch. Dann ist Schluss für heute. Es ist jetzt – sagen wir – elf Uhr am Vormittag. Nein, es wird nichts mehr geliefert. Es gibt nichts. Aus.

Das kann man sich nicht vorstellen. Nicht bei uns. In Kuba vielleicht oder in Afrika, da wird das schon vorkommen. Aber im Hatlerdorf oder in Bings oder Braz wird das Brot nie ausgehen. Und Tomaten haben die auch immer mehr, als sie verkaufen können. Nein, der Überfluss gestaltet unseren Alltag ganz verlässlich. Auf den Überfluss können wir zählen. So lange schon.

Leicht wird freilich übersehen, dass immer mehr Menschen mit kleinen Tüten nach Hause gehen. Weil sie sich mehr nicht leisten können. Man sieht ihnen das nicht an. Ihre Kleidung ist abgetragen, aber nicht schäbig. Da drüben steht ein älterer Mann vor dem Regal, gerade wiegt er eine Dose in der Hand. Seine Lippen bewegen sich. Er rechnet. Einen Augenblick später stellt er die Dose wieder ins Regal zurück. Ein Pflaumenkompott muss ja auch wirklich nicht sein, so unter der Woche, oder?

Die meisten von uns haben von allem zu viel. Aber für manche bleiben die berstend vollen Regale dennoch seltsam leer. Seit 38 Jahren schafft die VN-Leserfamilie über „Ma hilft“ ein wenig Ausgleich. Seit der Wohlstand regiert. Und genau so verlässlich. Ist das nicht des Wortes ureigenste Bedeutung, wenn man so wohl steht, dass es einem gar nicht weh tut, andere teilhaben zu lassen? Unser Wohlstand versetzt uns in die Lage, zu helfen. Das ist das Schönste, was man über ihn sagen kann.

thomas.matt@vorarlbergernachrichten, 05572/501-724