Erst ein Skandal, dann die Todeskunde

Politik / 27.06.2014 • 20:07 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Erstmaliger Auftritt einer Frauenriege: Der harmlose „Skandal“ am 28. Juni 1914 in Lustenau. Foto: Gemeindearchiv Lustenau
Erstmaliger Auftritt einer Frauenriege: Der harmlose „Skandal“ am
28. Juni 1914 in Lustenau. Foto: Gemeindearchiv Lustenau

In Lustenau wurde ein Turnfest abgebrochen, als die Nachricht vom Attentat eintraf.

Lustenau. (VN) Das Gauturnfest in Lustenau lief am Sonntag, den 28. Juni 1914, den zweiten Tag. Es war ein langes Wochenende, denn am darauffolgenden Montag gab es den Feiertag St. Peter und Paul. Dieser Sonntag hätte ursprünglich vor mehreren Tausend Besuchern im Rheinvorland aus einem anderen Grund ein ganz besonderer werden sollen: Erstmals traten im Rahmen eines Turnfestes nämlich Frauenriegen auf.

Die Hiobsbotschaft

„Das wurde von vielen Katholiken als Skandal empfunden. Bereits im Vorfeld prangerten in den Kirchen katholische Priester den Auftritt von Frauen als unzüchtig an“, erzählt Gemeindehistoriker Wolfgang Scheffknecht (55). Das damalige Lustenau war zwischen dem großdeutsch-liberalen und dem katholischen Lager gespalten. Auch beim Turnen gab es diese Spaltung. Die konservativen Turnerbündler beteiligten sich nicht an Veranstaltungen des liberalen Turnvereins und umgekehrt.

Während sich die Frauen am Vorarlberger Gauturnfest ihrer neuen Freiheiten erfreuten und dies auch ohne großen Unmut der Besucher tun konnten, tickerte im Postamt der Fernschreiber. „Es war irgendwann am Nachmittag, als die Nachricht von der Ermordung Franz Ferdinands eintraf. Der Mord ereignete sich in Sarajevo gegen elf Uhr.“ In Windeseile wurde die Hiobsbotschaft auch zum Gauturnfest getragen. Es kam zum sofortigen Abbruch der Großveranstaltung. Laut überlieferten Berichten von Zeitzeugen herrschte eine eigenartige Irritation. Viele schienen nicht begreifen zu wollen, was diese Nachricht bedeutete, und dass die Konsequenzen des Geschehenen sich nicht auf den Abbruch eines Turnfestes beschränken lassen würden. „Gleich nach den Feiertagen gab es in der Gemeinde eine Trauersitzung. So wie in zahlreichen anderen Kommunen des Landes auch“, berichtet Wolfgang Scheffknecht. Die nächstfolgenden Tage und Wochen verliefen in Lusten­au relativ unaufgeregt. Erst als das Ultimatum gestellt wurde und einen Monat späger die Kriegserklärung erfolgte, wich der trügerische Dorffriede hektischen Aktivitäten. „Es gab eine ganze Serie von nationalen Kundgebungen, und es entstand der Eindruck, dass alle in Kriegsbegeisterung verfielen. Aber das ist bei genauer Betrachtung sicher nicht der Fall“, bewertet Historiker Scheffknecht diese Tage aus historisch-wissenschaftlicher Sicht.

„Überall Jammer“

Viele der jungen Lustenauer, die noch am Turnfest ihre sportlichen Fähigkeiten unter Beweis stellten, zogen mit den ersten Truppenbewegungen sofort in den Krieg. Einige starben gleich in den ersten Schlachten, einige gerieten in Gefangenschaft. Es glich dem, was der Lustenauer Albin Schmid beim Abschied der Soldaten beschrieb: „Jetzt folgte der letzte Händedruck … Überall Jammer und Klagen, Freudenruf, Gesang und Musik wirr durcheinander, ein Bild des Grauens und Erbarmens.“

Nicht alle verfielen damals in eine Kriegsbegeisterung.

Wolfgang Scheffknecht

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