Katalanen fordern Madrid heraus

Separatistische Regionalregierung beharrt auf Unabhängigkeitsvotum am Sonntag.
barcelona Mit Spannung blickt Europa auf Katalonien. Die separatistische Regierung der autonomen Region will am Sonntag ein „verbindliches Referendum“ über die Unabhängigkeit vom EU-Mitgliedstaat Spanien abhalten, und zwar gegen den Willen der Zentralregierung in Madrid, und ungeachtet eines Verbots durch das spanische Verfassungsgericht. „Den Wunsch, abzustimmen, kann man nicht verweigern. Wir machen uns keines Verbrechens schuldig“, betonte Regionalregierungschef Carles Puigdemont. Das „illegale Referendum“ werde nicht stattfinden, bekräftigte hingegen Spaniens konservativer Ministerpräsident Mariano Rajoy.
Die Regionalregierung legte am Freitag erstmals Abstimmungsdetails vor. 2135 Wahllokale werden geöffnet. Die Abstimmung soll zwischen 9 und 20 Uhr stattfinden. 5,3 Millionen Menschen seien dazu aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Die Zentralregierung, die um die Einheit des Landes fürchtet, will das Votum mit allen Mitteln verhindern. Sie entsandte Sicherheitskräfte, darunter die Guardia Civil, in die Region. Bei Razzien wurden Millionen Stimmzettel und Wahlplakate beschlagnahmt. Außerdem wurde die Polizei dazu angewiesen alle Wahllokale zu räumen, um die Abstimmung zu verhindern.
EU mischt sich nicht ein
Die EU hält sich bislang aus dem „innenpolitischen Problem“ heraus. Entscheidungen des Parlaments und des Verfassungsgerichts besäßen Gültigkeit, ließ die Kommission aber wissen. In Umfragen schwanken die Unabhängigkeitsbefürworter in der wirtschaftsstarken Region seit einigen Jahren zwischen knapp 40 und 50 Prozent.
Der Lustenauer Hans Bösch (60) lebt bereits seit fast 22 Jahren in Katalonien. Von einer turbulenten Lage könne in seinem Wohnort Manresa, einer Stadt mit rund 74.000 Einwohnern, nicht die Rede sein, sagt das Gründungsmitglied der Lustenauer Grünen und ehemalige Umweltreferent der Gemeinde zu den VN. „Natürlich herrscht eine gewisse Unruhe, die Menschen verfolgen die Nachrichten aufmerksamer als sonst. Aber davon merkt man auf der Straße nichts. Es braucht keine 10.000 Polizisten von auswärts, wie die spanische Regierung behauptet.“ Der freiberufliche Deutschlehrer und Kunsterzieher kann nicht einschätzen, ob es derzeit eine Mehrheit für die Loslösung von Spanien gibt. „Genau das würde das Referendum zeigen“, meint er. Sehr wohl sei es den meisten Menschen aber ein Anliegen, abstimmen zu dürfen. „Das harte Vorgehen Madrids sorgt sicher für einen Zulauf bei den Unabhängigkeitsbefürwortern.“
Die Regierung habe es vor ein bis zwei Jahren verabsäumt, der Region Angebote für eine weitreichendere Autonomie zu machen, glaubt Bösch. „Wenn sich Katalonien selbst um Bereiche wie zum Beispiel die Schulpolitik kümmern dürfte, gäbe es jetzt weniger Probleme.“ Ein echter Föderalismus sei im Zentralstaat Spanien nicht vorhanden. Seiner Ansicht nach haben die separatistischen Tendenzen auch nichts mit ausuferndem Nationalismus zu tun, wie oft behauptet werde, sondern vielmehr mit einem Gefühl der Ausgrenzung: „Immer mehr Katalanen fühlen sich, so wie sie sind, mit ihrer eigenen Kultur und Sprache, in Spanien einfach nicht willkommen.“
„Immer weniger Katalanen fühlen sich in Spanien willkommen.“
