Kein automatischer Aufstieg

Ministerrat beschließt Faßmann-Pläne für Deutschförderklassen.
wien Die schwarz-blaue Regierung macht mit verpflichtenden Deutschförderklassen ernst. Der Ministerrat hat das Vorhaben von Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) am Mittwoch auf den Weg gebracht. Ein Überblick.
Was sehen die Pläne vor?
Alle Kinder, bei denen der Schulleiter bei der Schuleinschreibung Deutschmängel feststellt, werden einem einheitlichen Test unterzogen. Wenn dieser zeigt, dass ein Kind dem Unterricht nicht folgen kann, wird es als außerordentlicher Schüler eingestuft und kommt in eine Deutschförderklasse. Dafür braucht es mindestens sechs Schüler an einem Standort. In 15 (Volksschule) oder 20 (Neue Mittelschule/AHS-Unterstufe) Stunden wird nach eigenem Lehrplan Deutsch gepaukt.
Kommt es also zu einer Trennung der Schüler?
Ja, außer in Nebenfächern wie Zeichnen, Musik oder Turnen. In diesen Gegenständen werden die Schüler anderen Klassen zugeteilt.
Wie kann in eine Regelklasse gewechselt werden?
Nach jedem Semester soll überprüft werden, ob die Kinder dem Regelunterricht ausreichend folgen können. Ist das der Fall, wechseln sie in eine normale Regelklasse. Die Deutschförderklassen können maximal vier Semester besucht werden. Nach dem Wechsel sollen die Kinder parallel zum Unterricht sechs Stunden pro Woche einen Deutschförderkurs besuchen. Ein automatischer Aufstieg in die nächste Schulstufe ist nicht vorgesehen. Wer etwa in der ersten Schulstufe eine Deutschförderklasse absolviert, steigt nicht in die zweite Klasse auf, sondern muss das erste Schuljahr wiederholen.
Wann erfolgt die Umsetzung?
Die Regelungen sollen bis Sommer gesetzlich verankert und ab dem Schuljahr 2018/19 stufenweise umgesetzt werden.
Wie viele Schüler betrifft das?
Im Schuljahr 2016/17 haben rund 40.000 Schüler nicht ausreichend Deutsch gesprochen, galten also als außerordentliche Schüler. Die meisten gab es an Volksschulen (30.500) und NMS (7500), weniger an AHS (1500), wie eine parlamentarische Anfragebeantwortung zeigt. In Vorarlberg waren es 2300 Kinder. Im Bildungsministerium rechnet man ab dem kommenden Schuljahr noch mit rund 30.000 außerordentlichen Schülern. Das hat damit zu tun, dass die letzten großen Fluchtbewegungen schon länger her sind. Nach höchstens zwei Jahren verlieren die Kinder zudem ihren außerordentlichen Status.
Wie viel kostet das Ganze?
Faßmann hüllt sich noch in Schweigen. „Wenn man Zahlen zu früh nennt, bekommt man sie später immer wieder vorgehalten“, meint er. Im Ministerium geht man von einem zusätzlichen Bedarf von 300 Lehrern aus.
Was meinen Wissenschaftler?
„Grundsätzlich ist jede Art der Deutschförderung zu begrüßen“, sagt Heiko Richter, der für Lehre und Unterrichtsforschung zuständige Vizerektor an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg. Demzufolge sieht der Erziehungswissenschaftler die gesteigerte Deutsch-Stundenanzahl positiv. Auch lobt er im VN-Gespräch, dass die Pläne eine schnelle Integration der außerordentlichen Schüler in den Regelunterricht vorsehen. Die innere Differenzierung, also die Förderung innerhalb einer Lerngruppe, sei der äußeren Differenzierung zwar vorzuziehen. „Aber Deutschklassen für eine kurze Dauer machen durchaus Sinn.“ Besser wäre eine frühere Deutschförderung im Kindergartenalter. Auch andere Experten, etwa der Germanist Hannes Schweiger oder die Professorin für Deutsch als Zweitsprache, Inci Dirim (beide Universität Wien) haben das Konzept gegenüber der APA vorsichtig positiv eingestuft. Wenig abgewinnen können sie der Verbindung von Schulreife mit dem Sprachstand. Offen sei auch, mit welchen standardisierten Tests dieser festgestellt werden soll, ebenso wie ausreichende Deutschkenntnisse defininiert werden, meint Schweiger.
Was sagt die Opposition?
Die SPÖ begrüßt, dass Faßmann die Sprachförderung in Verbindung mit dem Regelunterricht ausbauen und fortführen will. Finanzierung und Organisation der zusätzlichen Lehrer und Klassenräume seien aber völlig offen. Die Neos äußern sich mit Vorbehalt positiv, die Liste Pilz befürchtet hingegen soziale Ausgrenzung.