Boat people

Politik / 02.05.2018 • 22:00 Uhr

Der Mai ist da und die Touristenströme ins attraktive Reiseland Tunesien beginnen langsam wieder zu fließen. In der Maschine der Tunisair, mit der ich kürzlich hierher, nach Tunis geflogen bin, saßen bereits erwartungsvolle Reisende, die sich auf den Strandurlaub, das Schlendern durch das Halbdunkel der Medinas oder abenteuerliche Wüstenexpeditionen freuten. Doch in umgekehrter Richtung, auf dem Wasser und nicht in der Luft sind Reisende ganz anderer Art unterwegs – und es werden, im Gegensatz zu den Tunesien-Touristen immer mehr: Es sind die Boat People, meist jugendliche Tunesier, die den gefahrvollen Weg übers Meer an die nächstgelegenen Küsten wagen – nach Italien.

Eine Umfrage in Tunesien hat kürzlich ein erschreckendes Resultat gezeigt: Sechs von zehn Müttern raten offenbar ihren Söhnen, ihr Land zu verlassen und das Glück anderswo zu suchen. Und mangels Alternativen heißt das zumeist: Übers Meer nach Italien. „Haraga“ lautet der arabische Ausdruck für das Abbrechen der Brücken – „verbrennen“ nennen sie es, wenn sie sich mit ungewisser Zukunft Schleppern anvertrauen, die oft nicht seetauglichen Schiffe besteigen und, wortwörtlich, ihre Pässe verbrennen.

Laut tunesischen Experten wollen 55 Prozent der jungen Tunesier auswandern – ein Drittel von ihnen schrecke auch vor illegalen Methoden nicht zurück. Seit Anfang 2018 sind inzwischen die Tunesier (nach den Eritreern) die zweite Nationalität, die an Italiens Küsten landet. 2017 hatte Tunesien als Ursprungsland erst den achten Rang eingenommen; doch schon damals kamen 6100 Flüchtlinge aus Tunesien 7,5-mal mehr als im Vorjahr – fast alle Tunesier und die meisten von ihnen jünger als 30 Jahre. Der wirtschaftliche Druck steigt: 600.000 gemeldete Arbeitslose weist die Statistik auf, die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Letztes Jahr setzten sich so viele Tunesier in die Boote wie seit dem Revolutionsjahr 2011 nicht mehr.

Im Vergleich zu Libyen, Marokko und Algerien erscheint die Zahl relativ niedrig – aber Tunesien hat nur elf Millionen Einwohner. Während die Zahlen aus anderen Ländern sinken, hielt selbst das schlechte Winterwetter 1100 Tunesier nicht davon ab, die Überfahrt nach Italien zu wagen. In Europa weckt diese Auswanderungswelle verständlicherweise Ängste: Ein tunesischer Attentäter hatte 2016 den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt mit zwölf Toten verübt, ein Tunesier hatte vor zwei Jahren in Nizza 86 Menschen umgebracht, als er mit seinem Lastwagen in die Menge fuhr, und ein Tunesier hatte 2017 in Marseille zwei Frauen niedergestochen. Viele der Dschihadisten, die in absehbarer Zeit zurückkehren werden, sind Tunesier. Was dann kommen wird? „Inschallah“, wie man hierzulande fatalistisch zu sagen pflegt.

„In Europa weckt diese verständlicherweise Auswanderungswelle Ängste.“

Charles E.
Ritterband

charles.ritterband@vn.at

Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).