“Ich wollte meiner Familie helfen”

Politik / 16.05.2018 • 22:43 Uhr
Die Schwestern Jamilah und Duha mussten aus Aleppo flüchten.
Die Schwestern Jamilah und Duha mussten aus Aleppo flüchten.

Kinderarbeit ist eine Folge von Armut unter syrischen Flüchtlingen in Jordanien. Auch Mustafa war betroffen.

mafraq Mustafa liebt den Englisch-Unterricht. „Hello, my name is Mustafa. How are you?“, stellt sich der Elfjährige in der jordanischen Stadt Mafraq den Besuchern aus dem Ausland vor. Der Bub hat große Pläne: Er will einmal Pilot oder Buchhalter werden, vielleicht auch Lehrer.

In der Vergangenheit hätte Mustafa von diesen Berufen nicht zu träumen gewagt. Er stammt aus der syrischen Provinz Aleppo. Der Bürgerkrieg zwang seine Familie ebenso wie Tausende weitere Syrer zur Flucht ins benachbarte Jordanien. Mustafas Eltern mussten ihre Besitztümer, ein Stück Land und zwei Häuser zurücklassen. Zu allem Überfluss machte sich auch noch der Vater aus dem Staub. Mutter Suriyya (45) kümmerte sich fortan alleine um die Kinderschar: zwei Söhne, vier Töchter, eine Stieftochter. Heute leben Suriyya und ihre Kinder in Mafraq nahe der syrischen Grenze in einer kargen Mietwohnung.

Zwei Räume für zwölf Personen

Da das Einkommen zum Überleben nicht ausreichte, fasste Suriyya vor einigen Jahren eine folgenschwere Entscheidung. „Ich schickte meinen Sohn Mustafa zur Arbeit“, erzählt die Alleinerziehende. Um die älteren Töchter hatte sie zu viel Angst. Statt in die Schule zu gehen, sammelte der Bub fortan Metall-Abfälle. Recycelbare Teile verkaufte er weiter, ebenso wie trockenes Brot, mit dem die Bauern ihr Vieh fütterten. Wenn es gut lief, verdiente er etwa vier jordanische Dinar (umgerechnet etwa 4,70 Euro) am Tag. „Ich wollte meiner Familie helfen“, schildert Mustafa. Ähnlich erging es Jamilah (12) und Duha (9). Auch die beiden syrischen Mädchen sind gemeinsam mit ihrer Familie aus Aleppo geflohen. Seit dem Jahr 2014 leben sie in Mafraq. Mit ihren Brüdern und Schwestern und ihren Eltern wohnen sie in einer kleinen Behausung. Zwölf Personen teilen sich zwei Räume; abgesehen von einigen Matratzen und Teppichen auf dem Boden gibt es keine Möbel. Zwei Geschwister kamen im Krieg ums Leben, zwei ältere Söhne sind schwer behindert.

Vater Khalaf (51), der früher in Syrien als Farmer und Schafhirte tätig war, ist wegen eines schweren Rückenleidens arbeitsunfähig. In seiner Not schickte er Jamilah und Duha zum Arbeiten. Wie Mustafa sammelten die Mädchen getrocknetes Brot und Metall-Abfälle und verkauften weiter, was noch brauchbar war. „Wir waren eigentlich immer nervös und müde“, erzählt Jamilah von dieser Zeit. Hätte sich das Blatt für die beiden Schwestern nicht gewendet, würden sie wohl heute noch Schrott sammeln, anstatt die Schulbank zu drücken.

Doch es kam dann doch alles anders. Jamilah und Duha können ebenso wie Mustafa wieder zur Schule gehen. Grund dafür ist ein Nothilfe-Bildungsprogramm der Hilfsorganisation Care, das auch von der Europäischen Union, dem Vorarlberger Unternehmen Haberkorn und „Nachbar in Not“ unterstützt wird. Das Prinzip dahinter ist einfach: Familien bekommen einen monatlichen Geldbetrag, wenn ihre Kinder eine Schule besuchen („cash for education“). Die Care-Initiative richtet sich an Bedürftige, die ihren Nachwuchs zur Arbeit schicken oder jung verheiraten wollen, da es ihnen an Einkommen fehlt. Alleinerziehende wie Suriyya profitieren genauso wie Familien mit arbeitsunfähigen Eltern wie Khalaf.

Bewusstsein ändert sich

Etwa 11.150 Kinder sollen mit dem Programm erreicht werden. „Es bietet ihnen eine Struktur im Alltag und eröffnet Chancen“, schildert der Leiter der Kommunikation und Regionalentwicklung von Care Österreich, Thomas Haunschmid. „Die Kinder sind begierig darauf zu lernen. Das sieht man schon an den Berufswünschen. Auch das Bewusstsein der Eltern ändert sich. Sie erkennen das Potenzial, das eine Ausbildung bietet.“

Stolz erzählt Khalafs Frau Hind (42) von den Fortschritten ihrer Töchter. „Sie lieben es, zur Schule zu gehen.“ Duha interessiert sich für Naturwissenschaften; sie möchte Krankenschwester werden. Jamilah mag Mathematik. Ihr Wissen will die Zwölfjährige selbst einmal im Klassenzimmer weitergeben. Sie träumt von einer Zukunft als Mathematik-Lehrerin. Vielleicht sogar in Syrien. Khalaf sagt: „Wir vermissen unsere Heimat rund um die Uhr. Natürlich wollen wir zurück.“ Auch Suriyya meint: „Wenn es wieder sicher ist, gehen wir nach Hause.“ Darauf müssen sie aber weiterhin warten. Über sieben Jahre nach Kriegsbeginn ist in Syrien kein Ende der Gewalt in Sicht.

Mustafa sammelte lange Zeit Metallabfälle. Heute drückt er wieder die Schulbank. Care
Mustafa sammelte lange Zeit Metallabfälle. Heute drückt er wieder die Schulbank. Care

Stichwort

Flucht nach Jordanien
Der syrische Bürgerkrieg begann im Jahr 2011 im Zuge des Arabischen Frühlings. Mehr als sieben Jahre nach Beginn des Konflikts ist noch keine politische Lösung in Sicht. Schätzungsweise die Hälfte der syrischen Bevölkerung sah sich zur Flucht gezwungen. Dem UNHCR zufolge haben mehr als fünf Millionen Menschen in den Nachbarländern Zuflucht gefunden. Weitere 6,3 Millionen Syrer sind innerhalb ihres eigenen Landes geflüchtet. Jordanien leidet besonders stark unter der Krise im Nachbarland. Mehr als 650.000 syrische Flüchtlinge sind dort registriert. Schätzungen zufolge beheimatet das Land allerdings an die 1,2 Millionen Schutzsuchende aus Syrien – bei einer Einwohnerzahl von knapp 9,5 Millionen. Die meisten Flüchtlinge leben in den Städten Amman, Irbid, Mafraq und Zarqa.