VN-Hintergrund: Neue Eskalation in Nahost zu Ramadan-Beginn

Politik / 05.05.2019 • 17:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan zeigt gern den Brüder-Gruß „Rabia“, eine Handfläche mit eingebogenem Daumen. AFP

Die Ächtung der Muslimbrüder durch US-Präsident Donald Trump hat weitreichende Folgen.

Heinz Gstrein

damaskus In Syrien flammen letzte Schwelbrände des Bürgerkriegs auf: Die Truppen von Machthaber Baschar al-Assad machen mit russischer Luftunterstützung der letzten Rebellenzuflucht im nordwestlichen Idlib den Garaus. Die Türken wiederum lassen ihren schon nicht mehr ernst genommenen Invasionsdrohungen plötzlich den Überfall auf die kurdisch-aramäischen Orte Manazaz und Malikiya folgen. Das sei nur ein Anfang, sagte Erdogans Vize Fuat Oktay am Sonntag. Alles ausgerechnet zu Beginn des islamischen Fastenmonats Ramadan. Der sollte eigentlich eine Zeit des Friedens und der Besinnung sein. Den Strich durch die Rechnung hat US-Präsident Donald Trump gezogen, indem er die Muslimbruderschaft zur Terrororganisation erklärte.

Die Muslimbrüder haben schon den 1920er-Jahren den Politislam als Volksbewegung erfunden. Zuvor hatten den nur die letzten Sultane der Türkei und frühe Saudi-Herrscher von oben als Leitbild erkoren. In Ägypten kamen die „Achwan al-Muslimun“ im Verlauf der Revolte Arabischer Frühling 2012/13 sogar vorübergehend an die Macht. In Syrien hatten sie das schon Anfang der 1980er-Jahre versucht. Präsident Hafez al-Assad erstickte ihren Aufstand. Im syrischen Bürgerkrieg erblickten sie ihre neue große Gelegenheit. Zwar lehnen Sprecher der Bruderschaft in Katar und Istanbul offiziell jede Gewaltanwendung ab. Vor Ort haben sich die Achwan jedoch an allen islamistischen Kampfkoalitionen mit Ausahme des IS beteiligt. Die von der Bruderschaft durchsetzten, aber auch mit Al-Kaida liierten Salafisten drängen sich in die bisherigen Schutzzone von Idlib. Ihre Ächtung durch die USA signalisiert nun Damaskus und Moskau grünes Licht zur Auslöschung des letzten Rebellenspuks.

Dasselbe gilt aber auch für Israel in seinem neuesten Schlagabtausch am Gazastreifen. Die Muslimbrüder waren und sind ein fruchtbarer Boden für das Entstehen oft mächtiger Tochterorganisationen. Bei den palästinensischen Arabern ist das die Hamas, die gerade jetzt wieder Raketen auf grenznahe israelische Städte niedergehen lässt. Die Israeli wollen solche auf keinen Fall zum bevorstehenden Eurovision-Songcontest am Himmel über Tel Aviv sehen. Sie werden diesmal besonders hart durchgreifen. Den ausdrücklichen Segen der USA dazu haben sie.

Aus dem Dunstkreis der Ahwan ist aber auch die türkische Regierungspartei AKP entstanden. Staatschef Recep Tayyip Erdogan zeigt gern den Brüder-Gruß „Rabia“, eine Handfläche mit eingebogenem Daumen. Der Machthaber am Bosporus weiß, dass Trumps Bann gegen die Bruderschaft und alles, was mit ihr zusammenhängt, früher oder später auch sein Regime treffen muss. Er hat keine Hemmung mehr, im syrischen Kurdistan ohne Rücksicht auf alle US-Warnungen einzufallen.