ORF-Chef warnt: „Ohne GIS kein ORF“

Politik / 20.07.2019 • 07:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
"Ich gehe davon aus, dass im Falle einer Koalition die ÖVP die stärkere Kraft ist und sie keine Ibiza-Gedanken ins Medienkapitel hineinschreiben will", sagt Wrabetz. VN
„Ich gehe davon aus, dass im Falle einer Koalition die ÖVP die stärkere Kraft ist und sie keine Ibiza-Gedanken ins Medienkapitel hineinschreiben will“, sagt Wrabetz. VN

Wrabetz pocht auf Bekenntnis zur Gebühr und kündigt Streaming-Dienst für GIS-Zahler an.

Schwarzach ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz glaubt, dass Angriffe auf Medien seit dem Ibiza-Video schwerer geworden sind, hofft auf ein Bekenntnis der künftigen Regierung zum ORF und spricht sich für eine modernere GIS aus. Ein Sendeplatz für das Landesstudio vor der ZIB2 muss noch warten.

Der ORF war immer wieder Zielscheibe der FPÖ. Sind Sie erleichtert, dass die Partei nicht mehr in der Regierung ist?

Alexander Wrabetz Man wird erst sehen, wie eine neue Regierung zusammengesetzt ist. Da ist alles möglich. Aber bestimmte Angriffe auf den ORF oder auf Medien generell werden schwerer werden, weil seit dem Ibiza-Video ein breites Bewusstsein darüber herrscht, wie man mit Medien nicht umgeht.

Kann eine FPÖ-Beteiligung in Zukunft zur Überlebensfrage für den ORF werden?

Ich glaube, durch die Ibiza-Berichterstattung konnten wir unsere Stärke unter Beweis stellen. Wir haben derzeit so hohe Zustimmungswerte wie selten zuvor. Wie auch immer die Regierung zusammengesetzt ist, niemand wäre gut beraten, uns als Ganzes wieder infrage zu stellen.

Sind Sie auf ein Szenario der Gebührenabschaffung vorbereitet?

Das ist nichts, was über Nacht passieren sollte, sondern das erfordert eine Debatte. Zudem braucht man Bündnispartner wie das Publikum und die Länder. Diese wissen, dass eine starke Regionalisierung nur möglich ist mit einer öffentlichen Finanzierung, die nicht von Wien aus gesteuert wird. Mein Ziel ist, dass sich eine neue Regierung in ihrem Regierungsprogramm zu einem öffentlich-rechtlichen Rundfunk bekennt. Dann wäre das für fünf Jahre außer Streit gestellt. Ich gehe davon aus, dass im Falle einer Koalition die ÖVP die stärkere Kraft ist und sie keine Ibiza-Gedanken ins Medienkapitel hineinschreiben will.

Es wird immer wieder über den Auftrag des ORF diskutiert. Wie zeitgemäß ist dieser?

In Zeiten, in denen die Politik vor großen Herausforderungen steht, ist der Bedarf nach einem starken Medium, das Dinge einordnet und erklärt, wichtig. Es ist nicht gut, wenn irgendwelche russischen Oligarchen die großen Medien besitzen. Daher ist der Auftrag der Information jedenfalls gerechtfertigt. Eine Kulturberichterstattung zu den Festspielen oder ein Österreich-Tatort ginge ohne öffentlich-rechtlichen Auftrag ebenso nicht. 

Wie sieht es mit der Ankündigung aus, Regionalfenster direkt vor der ZIB2 auszustrahlen?

Regionalfenster wie „Vorarlberg heute“ funktionieren extrem gut. Zudem gibt es verstärkt Zulieferungen aus den Bundesländern für das nationale Programm. Alles andere prüfen wir derzeit, das wird aber in den nächsten Monaten nicht kommen, denn wenn man so etwas macht, ist das mit viel Personalaufwand und Geld verbunden.

Inwieweit wären die Landesstudios ohne ORF-Gebühren zu halten?

Der ORF generell und auch die Landesstudios wären ohne Gebühren in der derzeitigen Form nicht möglich.

Nur noch 13 der EU-Staaten haben ein gebührenfinanziertes Modell.

Es gibt Länder, wo nicht nur die Gebühren, sondern überhaupt eine öffentliche Finanzierung ganz oder großteils abgeschafft wurde. Die Lage dort ist verheerend, und es sind irreparable Schäden aufgetreten. Beispiele sind Griechenland und Ungarn. In Spanien ist man nahe dran.

Wie interpretieren Sie den Ausdruck Zwangsgebühren?

Kein Mensch würde sagen, er zahlt eine Zwangsmehrwertsteuer. Dagegen müssen wir mit unseren Leistungen punkten. Aber dank der Ibiza-Geschichte würden wir aktuell eine Volksabstimmung gegen die Gebührenabschaffung gewinnen.

Wie kann man bei der GIS das geänderte Nutzungsverhalten berücksichtigen? Stichwort: Smartphone.

Eine moderne Finanzierung kann entweder die Modernisierung des bestehenden Systems bedeuten, indem man auch die Streaming-Nutzung einbezieht, oder die Einführung einer Haushaltsabgabe. Zuvor müsste man aber die Beitragsfinanzierung außer Streit stellen. Erst dann kann man diskutieren, was am besten ist. Ich bin tendenziell für eine Modernisierung des klassischen Gebührensystems. Das würde unserer Strategie für die nächsten Jahre entgegenkommen, uns in eine Video-Audio-Content-Plattform zu verwandeln.

Was steckt dahinter?

Wer GIS bezahlt, könnte eine Registrierungsnummer erhalten. Und nur wer sich registriert, soll auf der Plattform bestimmte Angebote nutzen können. Die BBC macht das schon erfolgreich. Damit kommt man auch aus der „Ich nutze es gar nicht“-Diskussion heraus. Letztlich sollten wir aber eine Login-Plattform für alle österreichischen Medien schaffen. Sonst kommen wir bei den personalisierten Nutzungen, wo uns Facebook und Netflix voraus sind, nicht mehr nach.

Das Interview mit ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz führten die stellvertretende Chefredakteurin der VN, Hanna Reiner, und Birgit Entner-Gerhold