Weniger Geld für Pensionistinnen

Politik / 29.07.2019 • 07:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Ein österreichischer Pensionist hat am 29. Juli im Durchschnitt jene Pension erhalten, die eine Pensionistin im Durchschnitt mit Jahresende erreichen wird. DPA
Ein österreichischer Pensionist hat am 29. Juli im Durchschnitt jene Pension erhalten, die eine Pensionistin im Durchschnitt mit Jahresende erreichen wird. DPA

Kinderbetreuung, Teilzeitarbeit, Antrittsalter: Viele Gründe für die Pensionsschere.

Birgit Entner-Gerhold

Wien Für österreichische Pensionistinnen gibt es heute keinen Grund zu feiern. Sie begehen den „Equal Pension Day“. Das heißt, ein österreichischer Pensionist hat heuer am 29. Juli im Durchschnitt bereits jene Pension erhalten, die eine Pensionistin im Durchschnitt mit Jahresende erreichen wird. Frauen bekommen also über 40 Prozent weniger als Männer.

Diese Schere schließt sich nur schleichend. Im Vergleich zu 2018 hat sich die Lage um einen Tag verbessert. Geht es in diesem Tempo weiter, dauert es noch 155 Jahre, bis Pensionistinnen den Pensionisten gleichgestellt sind, sagt Pensionistenverbandspräsident Peter Kostelka (SPÖ): „Wenn heute eine 30-Jährige eine Tochter bekommt, kann sie davon ausgehen, dass ihre Ururenkelin bei Pensionsantritt im Jahr 2174 keine Benachteiligung mehr erfahren wird.“

Vorarlberg ist Schlusslicht

In Vorarlberg klafft die Pensionsschere noch weiter auseinander. Hier fand der „Equal Pension Day“ bereits am 6. Juli statt. In Wien lässt er mit dem 30. August hingegen am längsten auf sich warten. SPÖ-Nationalratsmandatar Reinhold Einwallner hält fest, dass sich besonders die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen negativ auf die Pensionshöhe auswirken würden: „Da ist Vorarlberg seit vielen Jahren österreichweites Schlusslicht.“ Gerald Loacker (Neos) ortet zudem in der Kinderbetreuung Nachholbedarf: „In Vorarlberg ist sie ab dem dritten Geburtstag des Kindes gut ausgebaut. Aber die arbeitsrechtliche Karenz mit dem Recht auf Wiedereintritt in die Firma dauert maximal bis zum zweiten Geburtstag.“ Dass es ein besseres Kinderbetreuungsangebot braucht, ist auch bei seinen politischen Mitbewerbern unbestritten. Ebenso macht das liberale Institut Agenda Austria die unzureichende  Kinderbetreuung für die Pensionsschere verantwortlich. „Ein wesentlicher Grund für die niedrigen Frauenpensionen ist die hohe Teilzeitrate bei Frauen“, heißt es in einem Beitrag. So lange Familienarbeit vor allem Frauensache bleibe, würden Mütter das Nachsehen haben. Kritisch sieht die Agenda Austria aber auch das frühere Pensionsantrittsalter von Frauen. Dieses habe zur Folge, dass Pensionistinnen meistens nicht nur weniger, sondern auch weniger lange ins System einzahlen. Noch dazu gingen ihnen die höchsten Einzahlungsjahre verloren.

Pensionssplitting gefordert

Arbeiterkammer-Direktor Rainer Keckeis hält die weit geöffnete Pensionsschere für einen unhaltbaren Zustand. Auch bei den Neuzugängen im Jahr 2018 sei der Unterschied noch markant. Da lag die Frauenpension bei 995 Euro, jene der Männer bei 1520 Euro. Die Pensionsreform 2003/04 hätte durch die lebenslange Durchrechnung zwar mehr Gerechtigkeit ins System gebracht, andererseits aber gerade Frauen benachteiligt, die nach der Geburt ihrer Kinder Teilzeit arbeiten. „Aus den geringeren Bezügen ergeben sich trotz langjähriger Berufstätigkeit extrem niedrige Pensionen“, hält Keckeis fest. Er fordert unter anderem, die Karenzzeit im Pensionskonto besser zu bewerten und einen Steigerungsbetrag von 2,5 Prozent während der Elternteilzeitbeschäftigung. Ebenso plädiert Keckeis für die rasche Einführung eines verpflichtenden Pensionssplittings.

Das freiwillige Splitting war bisher wenig erfolgreich. Die Möglichkeit besteht seit 2005, ist bisher aber nicht einmal 1500 Mal beantragt worden. ÖVP-Bundesrätin Ess fordert daher eine automatische Variante mit Ausstiegsmöglichkeit, bei der die Pensionsbeiträge antragslos auf beide Eltern aufgeteilt werden. Das wollen auch die Neos. Sie treten bereits seit mehreren Jahren dafür ein, die Pensionsbeiträge von Eltern bis zum zehnten Geburtstag des Kindes fair aufzuteilen.

Gerald Loacker, Neos-Abgeordneter im Nationalrat: Ein erster Schritt zur Verbesserung der Situation ist das automatische Pensionssplitting. Dabei werden die Beiträge von Mann und Frau bis zum zehnten Geburtstag des Kindes aufgeteilt. So fehlen den Frauen keine wertvollen Beitragsmonate. Darüber hinaus würde bessere Kinderbetreuung mehr Müttern ermöglichen, in höherem Maß einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Parlamentsdirektion/Jantzen
Gerald Loacker, Neos-Abgeordneter im Nationalrat: Ein erster Schritt zur Verbesserung der Situation ist das automatische Pensionssplitting. Dabei werden die Beiträge von Mann und Frau bis zum zehnten Geburtstag des Kindes aufgeteilt. So fehlen den Frauen keine wertvollen Beitragsmonate. Darüber hinaus würde bessere Kinderbetreuung mehr Müttern ermöglichen, in höherem Maß einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Parlamentsdirektion/Jantzen
Reinhold Einwallner, SPÖ: Es braucht ein flächendeckendes Kinderbetreuungsangebot, mit arbeitsfreundlichen Öffnungszeiten und eine Reduzierung der Schließtage. Ebenso muss in den Pflegebereich investiert werden. Es braucht außerdem Lohntransparenz und Regeln für innerbetriebliche Lohngerechtigkeit. Frauen müssen wissen, was ihre männlichen Kollegen verdienen, um ein gleiches Gehalt einzufordern. Parlamentsdirektion / Topf
Reinhold Einwallner, SPÖ: Es braucht ein flächendeckendes Kinderbetreuungsangebot, mit arbeitsfreundlichen Öffnungszeiten und eine Reduzierung der Schließtage. Ebenso muss in den Pflegebereich investiert werden. Es braucht außerdem Lohntransparenz und Regeln für innerbetriebliche Lohngerechtigkeit. Frauen müssen wissen, was ihre männlichen Kollegen verdienen, um ein gleiches Gehalt einzufordern. Parlamentsdirektion / Topf
Reinhard Bösch, FPÖ: Die Pensionsunterschiede zwischen Mann und Frau sind nach Auffassung der FPÖ durch eine Höherbewertung der Familienarbeit auszugleichen. So verlangen wir die volle Anrechnung von Zeiten, die zur Kindererziehung und Pflege dienten. Wir bemühten uns in der Bundesregierung, eine Mindestpension umzusetzen und für die Frauen, die vor 1955 geboren sind, eine anerkennende Lösung zu finden. Parlamentsdirektion / Jantzen
Reinhard Bösch, FPÖ: Die Pensionsunterschiede zwischen Mann und Frau sind nach Auffassung der FPÖ durch eine Höherbewertung der Familienarbeit auszugleichen. So verlangen wir die volle Anrechnung von Zeiten, die zur Kindererziehung und Pflege dienten. Wir bemühten uns in der Bundesregierung, eine Mindestpension umzusetzen und für die Frauen, die vor 1955 geboren sind, eine anerkennende Lösung zu finden. Parlamentsdirektion / Jantzen
Martina Ess, ÖVP: Wir müssen mit Hochdruck den Ausbau eines bedarfsorientierten und qualitativ hochwertigen Betreuungsangebots für Kinder und Schüler vorantreiben, ein automatisches Pensionssplitting zwischen Mann und Frau mit Opt-Out-Möglichkeit verankern sowie umfassend über die Teilzeitkonsequenzen informieren, um innerhalb der Familie langfristig optimale Beschäftigungsverhältnisse zu erreichen. Parlamentsdirektion / Topf
Martina Ess, ÖVP: Wir müssen mit Hochdruck den Ausbau eines bedarfsorientierten und qualitativ hochwertigen Betreuungsangebots für Kinder und Schüler vorantreiben, ein automatisches Pensionssplitting zwischen Mann und Frau mit Opt-Out-Möglichkeit verankern sowie umfassend über die Teilzeitkonsequenzen informieren, um innerhalb der Familie langfristig optimale Beschäftigungsverhältnisse zu erreichen. Parlamentsdirektion / Topf