Ganz wenige besitzen sehr viel

Politik / 05.08.2019 • 07:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Vermögen sind ein Geheimnis.  Verfügbar sind nur Schätzungen und eine Erhebung, die im Auftrag der Europäischen Zentralbank durchgeführt wird. APA
Vermögen sind ein Geheimnis. Verfügbar sind nur Schätzungen und eine Erhebung, die im Auftrag der Europäischen Zentralbank durchgeführt wird. APA

150.000 Haushalte haben mehr als eine Million Euro. Erbschaftssteuer umstritten.

Johannes Huber

WIEN Die Einkommensverteilung ist bekannt. Steuerstatistiken geben Auskunft darüber. Bei Vermögen ist das anders: „Sie sind ein Geheimnis“, erklärt Wilfried Altzinger, Vorstand des Instituts für Ungleichheit an der Wiener Wirtschaftsuniversität (WU). Verfügbar sind Schätzungen und eine Erhebung, die im Auftrag der Europäischen Zentralbank (EZB) regelmäßig durchgeführt wird. In Österreich gibt es demnach die größte Vermögenskonzentration neben Deutschland. Sprich: Ganz wenige besitzen besonders viel. Der Haken ist jedoch, dass das oberste Prozent der Haushalte nicht repräsentativ erfasst ist bei dieser Erhebung. Ihr zufolge verfügt diese Spitze der Gesellschaft über 23 Prozent des Gesamtvermögens, so Arbeiterkammerökonom Matthias Schnetzer. In Wirklichkeit könne man jedoch von bis zu 40 Prozent ausgehen. Zu mehr als einer Million Euro würden es mindestens 150.000 Haushalte bringen, wie der gebürtige Schlinser ausführt.

Ideologie entscheidet

Das ist das eine. Das andere ist die Frage, ob diese Verteilung problematisch ist und Handlungsbedarf in Form einer Besteuerung besteht. SPÖ-Bundesgeschäftsführer Thomas Drozda hat einen solchen im VN-Interview formuliert; demnach sollten Erbschaften ab einer Million Euro besteuert werden.

Der Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS), Martin Kocher, sagt, die Antwort auf die Frage, ob die Vermögensverteilung ein problematisches Ausmaß erreicht habe, sei ideologisch: „Es ist extrem schwer, eine wissenschaftliche Antwort darauf zu geben.“ Es gehe eher um den politischen Standpunkt. In diesem Sinne gibt sich Kocher zurückhaltend, verweist aber auf internationale Vergleiche: „Wir wissen, dass Österreich in der OECD bei Vermögenssteuern im unteren Drittel angesiedelt ist und bei der Besteuerung von Arbeit im oberen.“ Altzinger und Schnetzer setzen unabhängig voneinander genau hier an: Eine stärkere Vermögensbesteuerung sollte ihres Erachtens aufkommensneutral sein und eine Entlastung der Lohn- und Einkommensbesteuerung ermöglichen. Im Unterschied zu Kocher meinen sie auch, dass es überfällig sei, gegen die Vermögensungleichheit vorzugehen.

Sie laufe der Chancengleichheit zuwider, warnt Altzinger: „Die ungleiche Verteilung bringt auch sehr ungleiche Startvoraussetzungen von Geburt an mit sich. Vermögende sind von vornherein im Vorteil, andere im Nachteil.“ Auch ein demokratiepolitischer Aspekt sei zu beachten: Mit Reichtum seien auch größere Einflussmöglichkeiten verbunden, zum Beispiel über Parteispenden.

Wichtig wäre dem WU-Professor zufolge die Wiedereinführung der Erbschaftssteuer. „Sonst verstärkt sich die Vermögenskonzentration“, wie er sagt. Grund: Mit einem Millionenerbe sei eine ungleich größere Rendite verbunden als mit einem Haus oder ein paar 10.000 Euro. Bei Ersterem lasse sich das Vermögen eher vermehren als bei Letzterem. Würde parallel zu einer Erbschaftssteuer mit entsprechenden Freigrenzen der Faktor Arbeit weniger besteuert werden, könnte das laut Altzinger dazu führen, dass unterm Strich „90 Prozent der Österreicher entlastet werden und maximal nur zehn Prozent mehr zahlen müssten“. Das liege daran, dass die Masse weniger Einkommensteuer und aufgrund bescheidener Besitzverhältnisse kaum Vermögenssteuer abliefern müsste.

Millionenschwere Erbschaftssteuer

AK-Experte Schnetzer verweist auf ein Modell, das an der WU Wien erstellt worden sei: „Die Erbschaftssteuer könnte bei einem Freibetrag von einer Million Euro und einem Steuersatz von 25 Prozent ungefähr 500 Millionen Euro bringen.“

IHS-Chef Kocher bezweifelt, dass bei einem hohen Freibetrag und einem hohen Steuersatz viel zusammenkommen könnte. Das würde eher dazu führen, dass Kapital abgezogen werde und dem österreichischen Fiskus nicht viel bleibt, meint der Volkswirt: „Wenn, dann müsste man geringe Freigrenzen und geringe Steuersätze wählen, die klarerweise auch das klassische Eigenheim betreffen. Sonst macht das nicht viel Sinn.“