Verhängnisvolle Stunden auf Ibiza

Politik / 21.08.2019 • 18:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
 Das Ibiza-Video mit Strache und Gudenus sorgte für ein politisches Erdbeben im Land. süddeutsche Zeitung, spiegel
Das Ibiza-Video mit Strache und Gudenus sorgte für ein politisches Erdbeben im Land. süddeutsche Zeitung, spiegel

Buch zur Affäre: Um Machtmissbrauch und Korruption ging’s nicht nur ein paar Minuten.

Johannes Huber

WIEN„Kann das echt sein?“ Frederik Obermaier (35) und Bastian Obermayer (41) trauen ihren Augen und Ohren nicht. Das Video, das ihnen an einem Sommerabend 2018 vorgeführt wird, ist schier unglaublich: Der FPÖ-Chef und Vizekanzler der Republik Österreich, Heinz-Christian Strache (50), sitzt „wie der Stereotyp des Ibizaurlaubers“ in einer schicken Villa. Braunrot gebrannt, in der Hand abwechselnd eine Zigarette oder ein Glas Wodka Bull. Vor allem aber redet er gegenüber einer Gesprächspartnerin über illegale Parteienfinanzierung und die willkürliche Vergabe von Staatsaufträgen. Die beiden Journalisten der „Süddeutschen Zeitung“ sind gefesselt und misstrauisch zugleich: Sie wissen, dass das ein Hammer wäre. Sie wissen aber auch, dass es immer wieder Versuche gibt, Medien dazu zu bringen, Fake News zu verbreiten und sie so vorzuführen.

Monatelange Recherche

Das Ergebnis ist bekannt: Das Video war echt, es handelte sich wirklich um Strache. Obermaier und Obermayer mussten monatelang recherchieren und auf nötige Bestätigungen warten, ehe sie die Geschichte am Abend des 17. Mai 2019 gemeinsam mit Kollegen vom „Spiegel“ unter die Leute bringen konnten. Dann ging es Schlag auf Schlag: Strache trat als Vizekanzler und Parteichef zurück und Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) kündigte die Koalition auf bzw. Neuwahlen an.

Das veröffentlichte Ibiza-Video dauert nur ein paar Minuten. Das Treffen, das am 24. Juli 2017 in der „Architect Country Villa“ stattgefunden hat, wurde jedoch zur Gänze aufgezeichnet und erstreckte sich über sieben Stunden. Die kleine Auswahl begründeten die „Süddeutsche Zeitung“ und der „Spiegel“ damit, dass nur politisch Relevantes gezeigt werde. Damit haben sie Mythenbildungen in Kauf genommen, wonach zum Beispiel einiges aus dem Zusammenhang gerissen und alles nur halb so schlimm gewesen sei. Obermaier und Obermayer haben nun ein Buch zur Affäre geschrieben. Von A bis Z und das gleich zweimal: Wie der Abend abgelaufen ist. Und wie sich ihre Recherchen gestaltet haben (sehr abenteuerlich). Nach der Lektüre ist klar: Die Unterhaltung drehte sich immer und immer wieder darum, dass die Gastgeberin, eine vermeintliche russische Oligarchin, die „Kronen Zeitung“ übernehmen und im Nationalratswahlkampf 2017 zack-zack-zack die FPÖ „pushen“ sollte sowie die Gegenleistung, die sie dafür erhalten könnte. Sie mache das nämlich „nicht aus Nächstenliebe“, wie Gudenus zitiert wird.

Der 43-Jährige spielt eine wichtige Rolle: Er hatte die Frau zuvor getroffen und den Abend miteingefädelt. Und er traf später auch einen Vertrauten von ihr. Daraus soll wiederum eine Presseaussendung entstanden sein, die als Zeichen des guten Willens der Freiheitlichen am 4. September 2017 verbreitet wurde und das vereinbarte Codewort „wer/zah/lts/chaf/ft/an“ enthielt: Wer zahlt, schafft an.

Bemerkenswert ist, wie die Autoren die stundenlangen Gespräche in der Villa als „Tanz“ beschreiben: Die angebliche Russin will Korruption. Laufend geht sie damit auf Strache zu, dieser bewegt sich jedoch hin und her, ziert sich, Ja zu sagen, und betont, dass alles rechtskonform ablaufen müsse. Zum Rechtsbruch aufgefordert, verabschiedet er sich aber auch nicht empört. Zwischendurch meint er sogar, dass es sich um eine Falle handeln könnte. Grund: schmutzige Zehennägel der Russin. Das gebe es bei einer Oligarchin nicht. „Ich achte auf so Kleinigkeiten.“ Im nächsten Moment vergisst er das laut dem Buch schon wieder und sagt, was ihm zum Verhängnis werden sollte: Dass größere Spenden über Vereine an Parteien laufen würden. Dass öffentliche Aufträge zu einem Überpreis auf Kosten der Steuerzahler vergeben werden könnten. Und dass die Frau eine Baufirma „wie die Strabag“ gründen solle: „Weil alle staatlichen Aufträge, die jetzt die Strabag kriegt, kriegt sie dann.“

Bastian Obermayer, Frederik Obermaier. Die Ibiza-Affäre. Innenansichten eines Skandals. Kiepenheuer & Witsch, Süddeutsche Zeitung, 272 Seiten, 16,50 Euro