Wolfgang Luisser zu Bolivien: „So etwas habe ich noch nie erlebt“

Politik / 22.11.2019 • 09:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Seit Tagen kommt es zu Protesten. Der frühere Fußballprofi Luisser berichtet von dramatischen Stunden. LUISSER

Ausschreitungen in Bolivien: Früherer Altach-Co-Trainer Wolfgang Luisser war vor Ort.

la paz Bolivien versinkt im Chaos. Seit Tagen wird das südamerikanische Land von Protesten beherrscht. 30 Menschen sind bereits ums Leben gekommen; es gibt Hunderte Verletzte. Noch ist kein Ende der Unruhen abzusehen.

Kampf um die Macht

Ausgangspunkt der Proteste ist ein Kampf um die politische Macht in dem Andenland: Der linksgerichtete frühere Präsident Evo Morales war am 10. November unter dem Druck von Militär und Polizei zurückgetreten. Internationale Beobachter hatten dem langjährigen Staatschef bei der Wahl am 20. Oktober Betrug vorgeworfen. Morales setzte sich nach Mexiko ab. Daraufhin ernannte sich die oppositionelle Senatorin Jeanine Añez selbst zur Übergangspräsidentin. Anhänger Morales‘ wollen das nicht akzeptieren und sprechen von einem Putsch. Immer wieder kommt es zu Zusammenstößen mit den bolivianischen Sicherheitskräften.

Der frühere Co-Trainer des SCR Altach, Wolfgang Luisser, hat die angespannte Situation vor Ort miterlebt. Der ehemalige Fußballprofi bereist derzeit mehrere südamerikanische Länder, darunter Bolivien. Den VN berichtete er von dramatischen Stunden in dem Land. „Ich war zunächst am Titicacasee in Peru und bin von dort in der Früh weiter mit dem Bus nach Copacabana auf die bolivianische Seite gereist“, erzählt der 40-Jährige. Bereits wenige Stunden nach der Ankunft war es mit der Idylle in dem Städtchen auf 3840 Metern Höhe vorbei. Plötzlich erschien das Militär auf der Bildfläche. Schnell machten Spekulationen über einen Protest der Landwirte die Runde. „Es hieß, dass die Grenzen geschlossen werden.“ Luisser war alarmiert. Es galt, so schnell es ging, den Flughafen in La Paz zu erreichen.

Insgesamt haben wir 19 Straßenbarrikaden durchqueren müssen.

Wolfgang Luisser, Ex-Altach-Co-Trainer

Gemeinsam mit einem Holländer und einem Pärchen aus Costa Rica machte sich der Fußballtrainer abends mit dem Taxi auf den Weg. „Es war eine Nacht- und Nebelaktion“, schildert der 40-Jährige. Die Fahrt nach La Paz sollte eigentlich in drei Stunden zu schaffen sein. Letztlich dauerte sie fast sieben Stunden. „Insgesamt haben wir 19 Straßenbarrikaden durchqueren müssen. Überall stieg Rauch auf, die Menschen sind vermummt mit Stöcken herumgelaufen. Ganze Familien waren gegen Mitternacht auf der Straße.“ Zunächst schien es, als würde die Gruppe unbehelligt durchkommen. Doch an einer der Blockaden gab es schließlich kein Weiterkommen mehr. Luisser berichtet von nervenaufreibenden Minuten. Dass letztlich alles glimpflich ausging, lag am Verhandlungsgeschick des Taxifahrers und des Mannes aus Costa Rica. Sie konnten die Protestierenden am Ende davon überzeugen, das Fahrzeug durchzulassen. Bevor es weitergehen konnte, übergaben die Demonstranten der Gruppe noch eine Flagge der Morales-Partei MAS. Damit ausgerüstet ließen sich die weiteren Sperren einfacher durchqueren. Gegen vier Uhr früh erreichten Luisser und seine Weggefährten den Flughafen.

Brennende Busse und Tränengas

Am Ende ging alles gut aus: Das Paar aus Costa Rica erwischte den geplanten Rückflug. Luisser und der Niederländer mussten zwei Stunden am Flughafen ausharren, konnten aber ein Ticket nach Uyuni kaufen, nahe der Grenze zu Chile. Dort war die Lage friedlich. Erst im Nachhinein erfuhr der frühere Altach-Co-Trainer Genaueres von der Situation in der Innenstadt von La Paz. „Wir haben gehört, dass Tränengas durch Fernster und Türen von Hotels geströmt ist. Teilweise haben sich die Menschen aufgrund der Straßensperren nicht nach Hause getraut. 33 Busse haben gebrannt.“ Der 40-Jährige spricht von „Chaos pur“ in einem gespaltenen Land. „So etwas habe ich noch nicht erlebt.“