Charles Ritterband

Kommentar

Charles Ritterband

Schicksalswahl?

Politik / 12.12.2019 • 06:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Wir Journalisten gehen mitunter allzu großzügig mit dem Begriff Schicksalswahl um. Nur: Was sich am heutigen Donnerstag in Großbritannien abspielt, könnte tatsächlich eine Weichenstellung von historischen Dimensionen bedeuten. Eine echte Qual der Wahl: Die Wahl zwischen Pest und Cholera – zwischen den Konservativen, die kaum mehr anzubieten haben als Brexit um jeden Preis und in den letzten Monaten im Unterhaus ein lamentables Schauspiel abgegeben haben nd zudem mit ihrer Austeritätspolitik schwere Schäden hinterlassen haben – die British Medical Association warnte, dass der Nationale Gesundheitsdienst NHS vor dem katastrophalsten Winter seiner Geschichte stehe. Der konservative Ex-Premier John Major warnte, dass der NHS unter Johnson etwa so sicher sei wie ein Hamster vor einer hungrigen Pythonschlange. Mit einem Parteichef, der von einer Lüge in die nächste, von einer Peinlichkeit in die andere tappt – und dessen wirres strohblondes Haargestrüpp einen deutlichen Hinweis auf das sein dürfte, was sich bei Boris Johnson unmittelbar darunter an Wirrnis abspielt.

 „Pest und Cholera“

Viele Briten dürften in der Person Johnsons „The Devil You Know“ – also das bekannte Übel – der womöglich noch schrecklicheren Alternative Jeremy Corbyn vorziehen: Dessen oppositionelle Labour-Partei verspricht den Wählern das Blaue vom Himmel – zu astronomischen Preisen, die durch massive Steuererhöhungen kompensiert werden müssten. Zudem befindet sich Labour in einem beschämenden Prozess der Selbstzerfleischung. Dieser gipfelte in öffentlichen Vorwürfen des britischen Oberrabbiners Ephraim Mirvis: Corbyn habe seine Partei bis in deren tiefsten Wurzeln mit Antisemitismus vergiftet. Der anglikanische Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, stimmte vorbehaltlos zu.

Auf dem Spiel steht nicht nur die Zukunft Britanniens in Europa, sondern auch das Vereinigte Königreich selbst.

Es geht um die Zukunft des Königreichs

Seit dem Amtsantritt von Boris Johnson haben die Tories einen phänomenalen Höhenflug von rund 15 Prozent hingelegt – nicht zuletzt, weil der ultranationalistische Chef der „Brexit-Partei“, Nigel Farage, den Tories zahlreiche Wahlkreise kampflos überlassen hat. Dennoch – der Vorsprung gegenüber Labour verringert sich täglich. Es wird spannend. Auf dem Spiel steht nicht nur die (nach wie vor ungewisse) Zukunft Britanniens in Europa, sondern auch das Vereinigte Königreich selbst: 63 Prozent der Tory-Parteimitglieder würden ohne Bedauern Schottland in die Unabhängigkeit entlassen – wenn nur dieser Brexit endlich stattfände. Corbyn sympathisiert mit einer Wiedervereinigung Irlands und wäre bereit zu einem zweiten schottischen Unabhängigkeitsreferendum – als Gegenleistung für die Unterstützung der schottischen Nationalisten SNP im Fall eines Patt nach den Wahlen.