Charles Ritterband

Kommentar

Charles Ritterband

Zweierlei Frechheit

Politik / 01.01.2020 • 19:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Frechheit siegt, lautet eine Redewendung. Oft, aber nicht immer. Zwei aktuelle, aber höchst unterschiedliche Beispiele: Boris Johnson, der mit seiner Vorwärts-Strategie ohne Rücksicht auf Verluste einen fulminanten Wahlsieg hingelegt hat – und andererseits Heinz-Christian Strache. In England standen sich in den jüngsten Parlamentswahlen zwei Spitzenpolitiker gegenüber, die eigentlich als unwählbar galten – Tory-Leader Johnson und Labour-Leader Corbyn. Der eine trug einen haushohen Sieg davon, und dies nicht nur, weil der andere definitiv noch unwählbarer war: Johnson hatte richtig kalkuliert, dass er den Teufelskreis durchbrechen musste, den der Brexit-Prozess heraufbeschworen hatte. Seine Vorgängerin Theresa May hatte das genaue Gegenteil getan, sie hatte beharrlich mit den EU-Partnern verhandelt, nach gangbaren Formeln und akzeptablen Kompromissen gesucht.

May war damit gescheitert; der Brexit-Prozess drehte sich wie ein wahnwitziger Kreisel um sich selbst, anstatt linear einer Lösung zuzustreben. Wer diese letzten Monate in Großbritannien erlebte, dem wurde klar: Die Briten wollten inzwischen nur noch eines – ein Ende dieses unhaltbaren Zustandes, der sie zum Gespött Europas und die “Mother of Parliaments” in Westminster zur allabendlichen Comedy-Show verkommen ließ. Johnson versprach der Nation wenig mehr als den termingemäßen EU-Austritt um jeden Preis – und genau das wollte am Ende die große Mehrheit der Wähler. Bezeichnenderweise hatte eine Wählerin zu Protokoll gegeben, sie werde Boris Johnson genau deshalb wählen, weil er lügt: Dies zeige doch, dass er menschlich sei. Johnson strahlt simple Vitalität und (blinde) Zuversicht aus. Das gefiel Wählern, die hart durch müssen und wenig Grund zum Optimismus haben. Frechheit siegt. Johnson, der zahlreiche Stimmen von einstigen Labour-Wählern im verarmten Norden Englands erhalten hatte, feiert nun seinen Triumph mit Freundin auf der luxuriösen Karibik-Insel Mustique, in einer Villa mit mehreren Swimmingpools für Zehntausende Pfund Sterling pro Woche. Immerhin flogen die beiden Economy.

Straches Frechheit war zum Scheitern verurteilt.

Auch bei Strache schien das Motto “Frechheit siegt” vorerst aufzugehen – bis sich das Blatt wendete. Noch unmittelbar nach dem Ibiza-Skandal erhielt er in der Europawahl 33.000 Vorzugsstimmen, die es ihm ermöglicht hätten, Einsitz im Europaparlament zu nehmen. Viele seiner Anhänger verziehen ihm augenzwinkernd (und insgeheim bewundernd) die “b’soffene G’schicht” auf Ibiza. Erst als ruchbar wurde, dass er private Ausgaben über die Parteikasse abgerechnet hatte, verließ den Glücksritter H-C das Glück. Er hatte den Bogen überspannt. Mitte Dezember wurde er aus der Partei ausgeschlossen. Seine einfach gestrickte Variante von Frechheit war zum Scheitern verurteilt.